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Samstag, 16. Mai 2015

Michel Houellebecq: Karte und Gebiet (la carte et le territoire, 2010)



›Die Karte ist interessanter als das Gebiet‹

Schöne Szene: Beim Betrachten einer kommunen Straßenkarte und während er an einem Sandwich rumkaut, hat Jed Martin seine »zweite große ästhetische Erfahrung«:
Diese Karte war geradezu erhaben […] noch nie hatte er so etwas Herrliches gesehen, das so reich an Emotionen und Sinn war wie diese Michelin-Karte des Departements Creuse und Haute-Vienne im Maßstab 1:150 000. Die Quintessenz der Moderne, der wissenschaftlichen und technischen Erfassung der Welt, war hier mit der Quintessenz animalischen Lebens verschmolzen. Die grafische Darstellung war komplex und schön, von absoluter Klarheit, und verwendete nur eine begrenzte Palette von Farben. Aber in jedem Örtchen, jedem Dorf, das seiner Größe entsprechend dargestellt war, spürte man das Herzklopfen, den Ruf Dutzender Menschenleben, Dutzender, Hunderter Seelen – von denen die einen zur Verdammnis und die anderen zum ewigen Leben berufen waren. (50)
Das nennt man dann wohl eine Epiphanie.

Ich weiß nicht, ob das so sein muss oder wie es anderen geht: Ich lese Houellebecq nicht wegen der storyline, die mir bei ihm oft aus dem Blickfeld rutscht, auch nicht wegen seiner Sprache oder seiner Figuren. Ich lese und mag seine Romane wegen ihres philosophischen Funkelns, wegen den darin enthaltenen Betrachtungen und Analysen ästhetischer, anthropologischer, kulturgeschichtlicher oder soziologischer Natur. Seine zumeist misanthropischen und desillusionierten Protagonisten sind mir in der Regel immer eher fremd, ihre Anschauungen, Haltungen und Schlüsse (oder diejenigen der jeweiligen Erzählerstimmen) erlebe ich hingegen als bereichernd, sie sind oft scharfsinnig, konsequent und jedenfalls inspirierend.

Nach der allerdings etwas lauwarmen Lektüre seines neusten Romans ›Unterwerfung‹ (frz. Soumission) war mir nach einer vergleichenden Lektüre eines seiner anderen letzten Romane, der schon lange auf einem meiner Bücherstapel lag. Zwar hatte ich ›Die Möglichkeit einer Insel‹ von etwa einem Jahr gelesen, aber mehr so en passant und nicht mal ganz zu Ende. Die Alternative lautete nun ›Karte und Gebiet‹.


Übersicht über Aufbau und Handlung (nicht ganz spoilerfrei)

Der Roman ist in fünf Teile gegliedert. 

Der Prolog setzt am Ende von Jeff Martins zweiter Schaffensphase ein. Der Maler und ehemalige Fotograf zertrümmert mutwillig sein Gemälde mit dem schönen Titel Jeff Koons und Damien Hirst teilen den Kunstmarkt unter sich auf

Der Erste Teil führt von seiner Kindheit bis in seine zweite Schaffensphase hinein: Jed hat sein Kunststudium abgeschlossen. Er beginnt Straßenkarten von Michelin abzufotografieren. Die Russin Olga, Angestellte von Michelin und »eine der fünf schönsten Frauen von Paris«, hilft ihm dabei, bekannt zu werden und auszustellen. Die beiden werden ein Paar, doch als sie eine Stelle in Russland annimmt, hält Jed sie nicht auf. Daraufhin zerstört er all seine Fotografien und beginnt mit der Malerei. Die folgenden zehn Jahre widmet er sich dem Thema Arbeit und Berufe und portraitiert Menschen quer durch alle Schichten.

Der Zweite Teil schließt chronologisch an das Ende des Prologs an. Nach unglaublichen zehn Jahren völliger Zurückgezogenheit und einsamen Malens ist Jed in der Kunstszene so gut wie nicht mehr präsent. Als die erste Ausstellung seiner Gemälde ansteht, fliegt er nach Irland zu – Tadaa!  – Michel Houellebecq himself. Der umstrittene Schriftsteller soll das Vorwort für den Ausstellungskatalog schreiben, um für noch mehr Publicity zu sorgen. Die beiden ungewöhnlichen Männer sind einander sympathisch und Jed schlägt Houellebecq vor, ihn zu portraitieren. Es bildet den Abschluss seiner Serie und wird sein letztes Gemälde bleiben. Jed und Olga begegnen sich wieder, allerdings nur um sich endgültig voneinander zu trennen. 
Die Ausstellung wird ein Erfolg – und Jed wendet sich von der Malerei ab. 

Der Dritte Teil beginnt damit, dass Houellebecq einem bestialischen Mord zum Opfer gefallen ist. Mit der Aufklärung ist Kriminalinspektor Jasselin beauftragt, der vorübergehend in den Mittelpunkt rückt. Über Umwege kommt Jasselin auf Jed, der ihm bei der Aufklärung behilflich ist.
In einer Parallelhandlung spürt Jed der letzten Reise seines Vaters nach, der sich mithilfe einer Zürcher Sterbehilfeorganisation das Leben genommen hat.

Der Epilog schließlich spielt in einem der zukünftigen Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts. Jed hat sich in seine alte Heimat seiner Großeltern in der französischen Provinz zurückgezogen und lebt dort allein und abgeschieden.


Die Metamorphose des Jed

›Karte und Gebiet‹ erzählt auf vielen Umwegen von dem ungewöhnlichen Werdegang eines Künstlers und der Begegnung mit einem exzentrischen Schriftsteller. Interessant daran sind Jeds radikale Brüche und wie er zu seinem Stoff findet, aber auch der Stoff selbst. Was irritiert, ist der Umstand, dass seine Motivation, seine ästhetischen Prinzipien und seine Arbeitsweise zwar geschildert werden, aber nicht im Vordergrund stehen. Dafür finden sich verstreut längere Passagen mit sehr detaillierten Angaben zu technischen und handwerklichen Aspekten wie Kameraoptik, Fotopapier, Malerfarben oder elektronischen Datenträgern – über Jeds äußeren oder inneren Produktionsprozess oder die Wirkung seiner Werke erfährt man aber kaum etwas. Kein Vergleich etwa zu Siri Huvstedts ›Was ich liebte‹ (What I loved, 2003), in dem der Ich-Erzähler immer wieder und über viele Seiten die Entstehung von Gemälden und Installationen seines Freundes Bill schildert, der sich im New York der Achtzigerjahre zu einem stilbildenden Künstler hocharbeitet.

Seine erste Epiphanie hatte Jed nach dem Studium. Fotografien von Industrieprodukten stellten eine Zeitlang seinen Lebensunterhalt sicher, sein Ziel war es, »eine objektive Beschreibung der Welt zu liefern« (47). Das ging so lange gut, bis ihm klar wurde, dass Objekte für ihn von dem Moment an, da er sie zu kommerziellen Zwecken fotografierte, nicht mehr zur Kunst werden konnten. Es musste etwas Neues her. Along came Michelin.

Die Idee fand ich beim Lesen zu meiner eigenen Überraschung sehr faszinierend. Nahaufnahmen von Landkarten als Kunst an der Wand, zu Gemäldegröße aufgeblasen, große Flächen und Formen in unterschiedlichem Grün und mit hellblauem Geäder, fremd, unwirklich – und doch kartographierte Wirklichkeit. Aber ohne das anstrengende Pathos von Aufnahmen der Erde aus dem All, ausgetretene Assoziationen wie The Blue Planet, Kubrick oder National Geographic, weniger didaktisch-kitschig als die Luftaufnahmen auf alten Werbekalendern einer Schweizer Fluglinie, mit mehr Lust auf Formgebung, mit mehr Verfremdung.

***

Interessant finde ich die verschiedenen Motive, die Jed Medium und Stoff wechseln lassen. Olga verlässt ihn nur deshalb, weil er sie nicht hält, weil die Liebe ihn nicht erfüllt. Das ist très Houellebecq: seine Protagonisten sind oft Männer, die sich emotional treiben lassen, die sich Neigungen und Launen und Beziehungen hingeben, weil es ihnen an Kraft mangelt, sich aufzulehnen, oder weil ihnen schlicht der Glaube, der Mut zur Verbindlichkeit, die Ideale fehlen.
Olgas Weggang und seine eigene passive Rolle dabei führen bei ihm auch zu keiner Reue, sondern machen ihm etwas offenbar, was ihn künstlerisch weiterbringt. Durch den Schock wird er sich bewusst, dass eine Lebensphase unwiderruflich zu Ende gegangen ist. Konsequenterweise zerstört er alles bisher geschaffene ohne Rücksicht auf Verluste. So lässt er ein Vakuum zu, von dem er nicht weiß, ob es sich wieder füllen wird mit etwas Neuem, und fällt in eine Depression. Eines Tages, nach einem spontanen Besuch bei seinem Vater, einem erfolgreichen Architekten und Workaholic, kommt Jed zufällig an einem Malereigeschäft vorbei – und kauft sich Farben. Einfach so. Es bahnt sich wieder etwas an. 
Diese Erfahrung einer radikalen Ablösung und dem Raumschaffen für etwas Neues wird für Jed zum Gründungsmythos seines Daseins als Künstler. Künstler zu sein bedinge für ihn die Bereitschaft, »sich zu unterwerfen«:
Sich rätselhaften, unvorhersehbaren Botschaften zu unterwerfen, die man in Ermangelung eines besseren Begriffs und ohne jeden religiösen Glauben als Intuitionen bezeichnen müsse, Botschaften, die sich dem Künstler trotzdem auf kategorische Weise aufdrängten, ohne ihm die geringste Möglichkeit zu lassen, sich ihnen zu entziehen – außer wenn er auf jegliche Form von Integrität und Selbstachtung verzichtete. (102)
Statt Landkarten abzufotografieren, beginnt er nun, Menschen an ihrem Arbeitsplatz zu malen. Ist das Zufall? In dem Moment, als er diejenige Person, die seinem Dasein das verleiht, was man ein Privatleben nennt, kampflos aufgibt, wendet er sich dem tätigen Menschen zu, dem homo faber. Einer ersten Gruppe zu vom Aussterben bedrohten Berufen folgt eine mit klassischen einfachen Berufen und eine Serie der Unternehmenskompositionen. Arbeit erlebte er immer schon als das zentrale Moment im Leben der Menschen, um das sich alles dreht, gerade bei seinem Vater. Und wie bei sich selbst entdeckt er auch bei Houellebecq diese Neigung

***

Als Houellebecq (die Figur) ihn später fragt, wieso er sich der Malerei zugewendet habe, antwortet Jed anders: Sobald es um Menschen und nicht mehr um Gegenstände gehe, könne er sich nicht mehr auf die bloße Darstellung beschränken. Gemeint sein könnte Folgendes: Das besondere Moment eines Menschen, das man bei einem Portrait einzufangen sucht, verlangt nach mehr Gestaltungsfreiheit, als einem die Fotografie gewährt. Jed schafft fiktive Situationen von symbolischer Tragweite, das verraten schon die Titel seiner Bilder, z.B. Bill Gates und Steve Jobs diskutieren über die Zukunft der Informatik. Jed selbst hebt hervor, dass er daran gescheitert sei, einen Priester und einen Künstler zu malen. Letzteres versucht er dann mit Houellebecqs Portrait nachzuholen.
Houellebecq (die Figur) mag an den Portraits kurioserweise nicht das Besondere, sondern das Verallgemeinernde, und Jed bestätigt, dass seiner Ansicht nach die Menschen sich viel mehr gleichen, als sie sich dessen gewahr sein wollen. Sich so richtig einen Reim darauf zu machen, gelingt einem bei der Lektüre nicht. Dafür wird die wuchtige Wirkung des neuen Houellebecq-Portraits über zwei Seiten lang sehr virtuos beschrieben. Man hat den Eindruck, einem Übermenschen bei der Arbeit zuzusehen:
Während das Gemälde ausgestellt war, haben ohnehin nur wenige Menschen den Hintergrund beachtet, da er durch die unglaubliche Ausdruckskraft der Hauptperson völlig in den Schatten gestellt wird. Der Autor, der in dem Augenblick festgehalten worden ist, da er eine vorzunehmende Korrektur auf einer der vor ihm auf dem Arbeitstisch ausgebreiteten Seiten entdeckt hat, scheint sich geradezu in Trance zu befinden, er wirkt wie von unbändiger Wut besessen, die so mancher ohne zu zögern als dämonisch bezeichnet hat. (178)
Der Kunstmarkt spielt im Roman nur am Rande eine Rolle. (In Klammern: Wer sich dafür interessiert, soll sich mal Duncan Wards ›Boogie-Woogie‹ aus dem Jahre 2009 ansehen.) Wie Houellebecq selbst in einem Fernsehinterview sagt, hat er dazu kaum recherchiert. Immerhin wundert sich Jed mehrmals darüber, in welche astronomischen Höhen die Preise seiner Bilder in Rekordtempo steigen. Seine Distanz zu dem Rummel um Werk und Künstler wird schon zu Beginn seiner Karriere deutlich, wenn er geeignete Verhaltensregeln an entsprechenden Anlässen ausprobiert:
Er lernte sehr rasch, sich in angemessener Weise zu verhalten. Man musste nicht unbedingt brillant sein, meistens war es sogar besser, gar nichts zu sagen, aber es war unerläßlich, seinem Gesprächspartner zuzuhören und manchmal die Unterhaltung durch ein »Wirklich?« wieder in Gang zu bringen, das den Zweck verfolgte, Interesse oder Überraschung zu zeigen, oder durch ein »Absolut«, in dem eine verständnisvolle Zustimmung zum Ausdruck kam. (69)
Sein Galerist Franz und die hochdotierte aber unscheinbare Pressefrau mit dem unpassenden Namen Marilyn tauchen an der Romanoberfläche auf, um dann lange wieder zu verschwinden und bleiben so marginal, wie sie es für Jed sind. Viel wesentlicher sind zum einen die Figur des Vaters, einem Architekten, der seinen Traum von der Freiheit des Künstlers nicht verwirklichen konnte und der für nichts anderes als Arbeit und Pflichterfüllung lebte. Zum andern die Figur des Michel Houellebecq.


Jed und Houellebecq: zwei müde Genies

Dass sich der Autor unverschlüsselt zur Figur macht, ist eine schöne Volte, auch wenn es sich nur eine fiktive Version des realen H. handelt. Der soziophobe Kauz wohnt in Irland mit seinem Hund und einer ausgewachsenen Depression im Zustand der Verwahrlosung. Er mogelt sich durch den Tag mit dem alleinigen Ziel, die Zeit zwischen Aufstehen und Zubettgehen möglichst auf wenige Stunden zu reduzieren und hat nach eigenen Worten »mit der Welt der Narration abgeschlossen« (248). 
Die Gespräche zwischen den beiden Künstlern führen in ganz unterschiedliche Felder, eine unterhaltsame Form intellektuellen Smalltalks, wie eingangs erwähnt sehr inspirierend. Houellebecq macht Jed mit seinen Göttern wie Tocqueville oder William Morris vertraut, die beiden unterhalten sich unter anderem lange über Kunst. Picasso und Le Corbusier werden vom Tisch gefegt, dafür gibt es Lob für unbekanntere Namen. Es geht aber auch um kulturspezifische Unterschiede bei Bedienungsanleitungen von elektronischen Geräten oder warum es sich verbietet, Schweinefleisch zu essen.  

Wie Jed Martin und Houellebecq ist auch Jasselin ein im Grunde trauriger, desillusionierter Mensch, der in seiner Arbeit aufgeht und ansonsten wohl auch findet, dass das Leben nicht das bietet, was man sich davon verspricht, oder – metaphorisch gesprochen – dass die Karte schöner ist als das Gebiet. (S. 78)



Michel Houellebecq: Karte und Gebiet. Du Mont Buchverlag, Köln 2011. 416 Seiten

Mittwoch, 11. Februar 2015

Marlene Streeruwitz: Nachkommen (2014)



Odyssee einer jungen Frau in einer alten Welt

»Ich kritisiere nicht. Ich lehne ab. Ich lehne jede Verantwortung für all diese Erbschaften ab, mit denen ich belastet werde. Jede Verantwortung.« (377)
Sagt Nelia Fehn vor laufender Kamera im Live-Interview mit 3sat. Ein cooles Statement, besonders für eine 20jährige, besonders bei einem ersten Fernsehinterview. Ihre Aussage bildet auch das Leitmotiv des Romans, der rund 48 Stunden in ihrem Leben erzählt und in dem wir die verschiedenen Fronten kennenlernen, an denen sie gerade um ihre Selbstvergewisserung kämpft.
Denn so selbstsicher, wie ihr Statement vermuten lassen könnte, ist Nelia in Wirklichkeit gar nicht, eigentlich hat sie sich vorgenommen, solche kapitalen Aussagen genereller Natur zu vermeiden und ausschließlich über ihren Roman zu reden. 
»Sie musste durchsetzen, dass das ein Roman war und kein Buch und dass es richtig war, dass es Romane gab, und dass es um die Wahrheit ging. Um die vielen Möglichkeiten davon. Wenn sie das vor der Kamera alles sagen konnte, dann würde sie es selber glauben müssen. Dann konnte sie nicht mehr in diese Zweifel verfallen.« (313)
Diese Zweifel hat sie nämlich: Ihr Debut handelt von der Reise einer familiär überdurchschnittlich vorbelasteten jungen Frau ins Griechenland der Gegenwart, wo gerade alles aus dem Ruder läuft. Und wo sie einen Mann kennenlernt. Neues Horizonte, neue Themen. Die familiäre Vergangenheit, der mitgebrachte Ballast, wird eingearbeitet, abgearbeitet, weggeschrieben. Nun kann die Zukunft beginnen. Doch die ist von der Vergangenheit nicht so leicht zu trennen, sie hängt sogar von ihr ab. Es ist kompliziert. Der Reihe nach.
Mit ihrem Roman landet sie, frisch vom Abitur, auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Was vielleicht kein Zufall ist. Denn sie tritt damit in die Fußstapfen ihrer Mutter, die fünf Jahre zuvor verstarb und so etwas wie ein österreichischer Literaturstar war. Kein leichtes Erbe. Aber womöglich eine Starthilfe, und zwar eine, die sie brauchen könnte, allein aus ökonomischen Gründen. Im richtigen Leben heißt dieser junge griechische Mann Marios und wurde bei einer Demo von der Polizei übel zugerichtet. Nun liegt er mit zwei gebrochenen Fußgelenken in der Wohnung seinr Eltern und ihm fehlen die rund 50'000 Euro für die notwendige OP. Grund genug für Nelia, die prestigeträchtige Auszeichnung gewinnnen zu wollen. Auch wenn das Preisgeld nur für ein Fußgelenk reichen würde.
Damit der gewonnen wird oder damit aus ihr überhaupt jemand wird, der vom Schreiben leben könnte, muss sie sich anpassen, die Regeln möglichst befolgen, so wie das ihre Mutter getan hat, wie es ihr der verleger Gruhns anrät, wie es von verschiedenen Seiten an sie herangetragen wird. Die Frage lautet: Will sie das? Denn sie ist gerade dabei, sich zu lösen, zu sich zu kommen. Da ist so ein Anpassungsprozess kontraintuitiv. Und mit ihren jungen Jahren und als Newcomer ist sie sowieso eine Exotin, ein Fremdkörper in dem von Routine geprägten Literatur- und Messebetrieb.
»Es war aber auch klar, dass das alles vollkommen gleichgültig war. Sie würde da auftauchen und wieder verschwinden. In diesem Trubel hier. Sie kam sich vor wie ein sehr kleines Mädchen, das auch ein geburtstagsgedicht aufsagen durfte. Alle fanden das kleine Mädchen süß. Aber dann wandten sich die Erwachsenen ab und redeten über die wichtigen Dinge. Sie sagte sich, dass das an ihr liegen würde. dass es an ihr läge, wie sie wahrgenommen werden würde. dass si es in der Hand hatte.« (368)

***

Gleichzeitig mit dem Ruf nach Frankfurt zur Buchmesse muss sie sich von ihrer Restfamilie verabschieden, ein Abschied für immer. Der Tod des fast 90-jährigen Großvaters, dessen Liebling sie war, bedeutet, dass sie nun aus dem Nest geworfen wird. Man hat schon ihrer Mutter den Erfolg und den Glamour geneidet, man hat nach deren Tod das uneheliche Kuckuckskind zur Pflege übernommen, doch nun, nach dem Abitur und dem Tod ihres Beschützers und Mäzens, ist ihre Zeit abgelaufen. Von der Oma und der Tante etcetera hat sie nichts mehr zu erwarten.
Und dann ist da noch ihr Vater. Der wohnt in Frankfurt, wo sie jetzt hinfliegt, und will sie treffen. Die Gelegenheit nicht versäumen, die junge Frau kennenzulernen, deren Geburt er, wie sich bald herausstellt, lieber verhindert hätte. Da fragt sich die Tochter im Aufbruch: Ist sie für ihn jetzt nur interessant, weil sie im Begriff ist, zu einer öffentlichen Person zu werden? Will Nelia einen Mann kennenlernen, der abgesehen von seinen Minimalbeträgen an Unterhaltsgeld keine Rolle in ihrem bisherigen Leben spielte? Immwrhin könnte sie über ihn eine Seite ihrer Mutter kennenlernen, von der sie nichts weiß. Andererseits  war ihr Erzeuger in ihren Augen fast schon tot:
»Dieser Körper war sterblich. Es war einer dieser Augenblicke und es fiel über sie her. Die Sterblichkeit einer anderen Person. Die Verletzlichkeit hüllte dann diese Person ein. Ganz. Die Person wurde vor den Augen das, was vergänglich war. In solchen Augenblicken wurde ihr das Leben selbst klar. Klar in einer Ahnung und ungenau. Und nur kurz zu ertragen und gleich wieder verging. Beim Großvater eben genauso gewesen. Der Großvater in seinem Intensivbett inmitten seiner Apparate und ihren Signalen. Und jetzt war dieser Mann vor ihr. Der war auch alt. Nur von seinem Leben wusste sie schon gar nichts. Er hatte nur ihres mitbewirkt wie der Großvater auch. Das schien aber hier endgültig gleichgültig zu sein, und trotzdem saßen sie hier.«(238) 
Die Auseinandersetzung mit ihrem fast schon toten vater ist nur eine der Fronten, mit denen sich Nelia gleichzeitig auseinanderzusetzen hat und die sie über die mehr als 400 Seiten begleitet. Eine andere ist ihr Verleger. Wie sehr kann sie sich auf den, einen weiteren alten Mann, verlassen? Warum redet er wie ale anderen auch eigentlich immer nur von ihrem »Buch«, nicht von ihrem »Roman«?  Wer von all den Menschen, die rund um die Buchmesse wie Bienen um einen Bienenstock schwirren und deren Meinungen relevant sind, hat ihren Roman überhaupt gelesen? Und was muss es sie kümmern, sind doch die meisten älter als fünfzig und teilen mit Nelia nicht dieselbe Welt, leben auf ihrem eigenen, einem alten Stern? Und vor allem: wie soll es in ihrem Leben nun weitergehen?
»Sie hatte ihren Roman schon längst vergessen. Dieser Roman galt für sie schon längst nicht mehr. Für sie ging es darum, wie sie die nächste Entscheidung traf. Aber für sich. Was sie für sich wollte. Wie ihr Leben ausshen sollte.« (404)
Die Antwort auf diese Frage muss warten. Erzählt werden ca. 48 Stunden, die Handlung beginnt in Wien, spielt dann zur Hauptsache in Frankfurt, die dramaturgischen Höhepunkte bilden die Preisverleihung, Interviews mit der Presse und die Auseinandersetzung mit dem Vater. Nelia trifft auf eine ganze Reihe von Leuten, sie begegnet ihnen als eine junge Außenseiterin und Newcomerin, ungeschützt, ungecoacht, alleingelassen. Das macht sie zu einer sehr interessanten Perspektivfigur: gelenkt durch ihren so unsicheren wie ungetrübten und unbestechlichen Blick tauchen wir in ein in den Mikrokosmos des Buchhandels zum Zeitpunkt einer seiner vermeintlichen Feierstunden, der Messe, dem Aushängeschild dieser Industrie, die sich in einer konstanten Krise befindet. Ein Beispiel: Gruhns, ihr Verleger, freut sich, dass die österreichische Kulturministerin ihren Stand an der Buchmesse besucht hat:
»›Was für eine Ehre. Eigentlich. Wir hätten Fotos machen sollen.‹ War Gruhns beeindruckt. Sie musste lachen.›Wo ist da jetzt die Ehre?‹, fragte sie.›Na ja. Die kommt da extra in unsere Ecke. Das finde ich schon nett.‹›Aber sie hat uns doch nur die Hände geschüttelt.‹›Was sollte sie denn sonst tun?‹›Meinen Roman lesen.‹Gruhns seufzte. Das, meinte er dann. das würde nicht passieren. Aber das wüsste Nelia doch. Das habe Nelia doch gewusst. Literatur wird nicht gelesen. Literatur. Das gab es. Aber nur in Personenform und nicht als Texte.« (342)
Das hat etwas Komisches, Hysterisches, Bemühtes, für Nelia aber auch etwas Beängstigendes, an ihre Existenz Rührendes. Auch weil sie gleichzeitig die Welt ihrer Mutter kennenlernt, die sie nach wie vor zu vermissen scheint, über deren Tod sie lange nicht hinweggekommen sein muss, an die sie sich nun aber annähert, im der für sie sehr fremden und vorwiegend abweisenden Messestadt Frankfurt, wo sie vermutlich auch gezeugt wurde.
Wie das bei Streeruwitz so üblich ist, erlebt man die Protagonistin sehr nah: Ihre selbstbehauptende Trotzigkeit und ihr unverstellter, um Unabhängigkeit kämpfender  Blick auf das sich routiniert abwickelnde Geschehen um sie herum verleiht dem Roman etwas sehr Erfrischendes, Freches. Und man interessiert sich wirklich für ihre Regungen und Wahrnehmungen, kann sich gut in die hineinversetzen, wenn sie von dem halbseiden wirkenden Verleger in preisgünstige Gästezimmer abgeschoben wird, von lauernden älteren Frauen beäugt, von selbstherrlichen oder selbsternannten Platzhirschen angeflirtet oder angeraunzt wird, je nachdem, wie die Herren zu ihrer verstorbenen Mutter stehen. 
»Und sie solle sich nicht wundern. Das wären eben Stresszeiten. Buchmesse. Da wollten alle schön ausschauen, und die wenigsten brächten das zusammen. Nicht jeder habe es so einfach wie sie. Sie müsse ja nur dasitzen, und das wäre schon ein ästhetisches Ereignis. Der Mann seufzte.« (124)
***

Streeruwitz hat hier aus dem Vollen schöpfen können. Die schon lange im Literaturbetrieb angekommene Autorin kam mit ihrem letzten Roman ›Die Schmerzmacherin‹ selbst auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Der war relativ schwierig zu lesen und bewegte sich in unvorhersehbaren Bahnen. ›Nachkommen‹ ist vergleichsweise leichte Kost, liest sich sehr süffig, was aber kein Nachteil ist. Die Odyssee einer jungen Frau in der Welt der Literaturindustrie birgt viele Einsichten und spannende Wahrnehmungen.

***

Ausgabe:
Marlene Streeruwitz: Nachkommen. Verlag S. Fischer, 1. Auflage, Frankfurt am Main 2014. 432 Seiten.

Mittwoch, 17. Juli 2013

Marlene Streeruwitz: Die Schmerzmacherin (2011)




Eine Welt zum Fürchten

Vorneweg sollte ein Missverständnis aus dem Weg geräumt werden: Die Protagonistin Amalia Schreiber ist zwar die Angestellte einer Firma, die unter anderem in der Antiterrorbekämpfung involviert ist; auch ist zu Beginn die Rede von einem Einsatz in Afghanistan und es gibt einzwei Verhörszenen. Dennoch ist Die Schmerzmacherin ganz bestimmt kein literarischer Politthriller, wie einen manche Rezensionen vermuten lassen. Nix da Tom Clancy goes Anspruch oder John le Carré meets artistischer Sprachwitz und weibliches Schreiben. Es ist 100% Marlene Streeruwitz, und wer ihr Werk ein wenig kennt, darf vermuten: hier wird kein Plot abgewickelt, vielmehr geht es um Psychologie und Existenznot. Konkret: Es geht um die verlorene Seele einer jungen Frau, die um ihre Identität und Integrität kämpft und es dabei auch mit ihren eigenen Dämonen zu tun bekommt. Und dann untermalt punktuell angeschnittenes aktuelles Geschehen im Hintergrund diese unsichere, bedrohte Stimmung, aber eher wie ein leisegestellter Fernseher. Wobei das Unglück von Fukushima vorkommt, nicht etwa Guantanamo, wie man aufgrund des Kontextes vermuten könnte.

***

Was den Handlungszusammenhang der 400 Seiten und die Hauptfigur betrifft, verlangt einem der Roman einiges ab. Das stellt einen Anreiz dar, erfordert aber eine genaue Lektüre, sonst droht einem die tiefere Bedeutung so mancher Details und Episoden zu entgehen. Die dreizehn Kapitel – nach Monatsnamen benannt – decken etwa ein Jahr ab. Sie bilden eine lose Folge voneinander zunächst unabhängig scheinender Situationen und handeln hauptsächlich im deutsch-tschechischen Grenzgebiet, in England und in Wien.

Amalia, die Perspektivfigur, durch deren Wahrnehmung man alles erfährt, bleibt einem bis zuletzt etwas fremd. So fremd, wie sie selbst sich und die Ereignisse zu empfinden scheint. Die Orientierungslosigkeit Amalias wird durch die Verweigerung einer klaren Storyline fast spürbar auf den Leser übertragen. Einige Ereignisse von großer Tragweite erfährt man – wie Amalia selbst – nur bruchstückhaft und in ihrer bedrohlichen Konsequenz.

25 Jahre alt, großgewachsen und attraktiv, abgeschlossenes BWL-Studium, steckt sie in einer schweren Identitätskrise. Dass etwas nicht stimmt, lässt bereits die Eingangsszene erahnen, eine betrunkene Autofahrt durch ein verschneites Niemandsland auf dem Weg zur Arbeit. »Noch nie waren so viele Raubvögel zu sehen gewesen«, lautet der erste Satz. Anlass für die Krise ist vordergründig ihre Tätigkeit bei der Allsecura, einer britischen Sicherheitsfirma, die unter anderem im Antiterrorkampf tätig ist. Die Anstellung verdankt sie der Vermittlung ihrer Londoner Großtante Marina und ihrem Aussehen, das ihrem Chef Eindruck macht. Jedenfalls protegiert sie Gregory gegen den Willen der anderen Mitarbeiter, allerdings ohne klar formulierte Erwartungen an sie, wie sie irritiert registriert. 
»Was wollte der überhaupt mit ihr. Für den spielte sie eine Rolle, aber sie wusste nicht, welche.« (20)
Sie hat kaum Einblick in die Aufgaben und Strukturen der Firma und bewegt sich derart orientierungslos durch die Räume und Hallen des Außenlagers im tschechisch-deutschen Grenzgebiet, dass man sie früh als das Opfer in einem Katz-und-Maus-Spiel wähnt. Dieser Eindruck wird durch ihre wesenseigene Fahrigkeit verstärkt, die sie mit anderen Frauen aus dem Streeruwitzschem Figurenarsenal gemein hat, und durch ihre psychische Labilität. Deren Wurzeln liegen zu einem guten Teil in ihrer belastenden Herkunft und Vorgeschichte. Ihre Mutter gab sie gleich nach der Geburt weg, weil sie mit sich, ihrer Heroinsucht und ihrer Kunst beschäftigt war. Nach neueren Gerüchten scheint sie wieder eine Familie gegründet zu haben und aus Amsterdam zurück nach Wien gezogen zu sein, wo Amalia bei Pflegeeltern großgeworden ist. Das bleibt zwar bis zuletzt unbestätigt, lässt sie aber natürlich nicht kalt. Zum Gefühl der Verlassenheit gesellt sich das des Verrats. Was den Vater betrifft – Väter sind in ihrer Familie schon traditionell namenlose Erzeuger, die die Flucht ergriffen haben.

***

Akut beschäftigt sie der Umstand, dass dieselbe Großtante, die ihr den Job bei der Allsecura ursprünglich vermittelt hat, es auf ihren Anteil des Familienerbes abgesehen hat. Zufall? Will Marina sie loswerden? Immerhin ist gerade ein Kollege den Taliban in die Hände gefallen – mit ungewissem Schicksal. Bedrohung gehört also zum Berufsrisiko – und man versteht jedenfalls, dass Amalia unter solchen Umständen schon mal in besondere psychische Zustände geraten kann.

Hinzu kommt ihr häufiger Griff zur Flasche. Die innere Stimme, die ihr sagt, dass gerade etwas grundsätzlich falsch läuft in ihrem Leben, betäubt sie gerne und ausführlich mit Alkohol. Welche Form der Entspannung ihr das vermittelt, wird auffällig oft ausformuliert: 
»Eine bleierne Freundlichkeit breitete sich aus. In ihr. Vom Magen weg füllt sich der Leib, und die Ungenauigkeit stieg in den Kopf und hinter die Stirn und hinter die Kehle und legte sich dann über sie.« (8)»Kühl füllte der Wein den Mund aus. Einen Augenblick nur der gefüllte Mund. Der Mund vollgestopft mit Geschmack.« (327)
Doch die Mischung aus Verunsicherung, Labilität und Alkohol führen bei ihr auch zu unkontrollierbaren Zuständen. Ein erster Höhepunkt (nach dem schönen Anfang) bildet eine großartige Szene in einer Turnhalle, in welcher der ohrenbetäubende Lärm eines Helikopters alles erzittern lässt und Amalia auf gespenstische Weise erotisiert. Eine Szene mit dionysischen Charakter, in dem sich Todesangst und sexuelle Lust in einem literarischen Rausch verbinden.

***

Zu einem späteren Zeitpunkt, wie aus dem Nichts heraus, vergleicht sie sich mit einem Kind aus einer TV-Doku, mit einem Schicksal, das so gar nichts mit ihrem gemein zu haben scheint:
»Und wie sie im kleinen Gemeinschaftsraum sitzend. Am Rand von Nottingham. Ferngesehen. Wie dieses kleine Mädchen in der Nähe von Tschernobyl. Wie das auf die Kinderschwester in dem Kinderheim zulief und es erst beim Hochheben zu sehen war. Das kleine Mädchen hatte keine Beine. Die Füße waren an den Hüften angewachsen. Es waren Flossen. Entenbeinchen. […] Und alle hatten gelacht. Im kleinen Gemeinschaftsraum mit dem Fernsehapparat. Alle, die mit ihr dagesessen. Die hatten gelacht. Wie sollte sie ihrer alten Großtante Marina erklären, dass sie dieses Mädchen war.« (333)
Es ist einerseits dieses Prekäre, was die Figur interessant macht, und andererseits der Umstand, dass man trotz aller Informationen über ihr Innenleben kein rundes Bild von ihr gewinnt. »›Ich habe Angst und weiß nicht, wovor und warum‹« (248) schreibt sie ihrer Pflegemutter aus dem Surfurlaub, um den Satz gleich wieder zu löschen. Nach mehreren längeren Versuchen heißt es dann: »›[I]ch bin hier gut aufgehoben, und es beginnt, mir besserzugehen. Love you, Mali.‹« (252) Das ist natürlich gelogen. Aber wem soll sie sich zumuten? Wem will man überhaupt die eigenen Abgründe zumuten? Meistens nicht mal sich selbst, geschweige denn der krebskranken Pflegemutter.

***

Ihr einziger emotionaler Rückhalt, abgesehen von den Wiener Pflegeltern, ist Gino. Gino ist ein Gigolo, der eigentlich Ingo heißt, aber kein Ingo sein will. Er schleppt in dem schlüpfrigen Hotel, in dem sie wohnen, Frauen gegen Geld ab. Mit seiner leichtlebigen Art und Weise, das Leben zu betrachten, ist er für die von Angstschüben gequälte Amalia Bruder und wärmender Ofen in Personalunion. Wahrscheinlich gerade, weil Sex zwischen ihnen keine Rolle spielt.

Ginos Schicksal ist es, sich eines Abends mit Cindy einzulassen, derjenigen Frau, die sich mit Gregory über die Anstellung von Amalia uneinig ist. Etwas früher am selben Abend hatte Amalia im Alkoholdelirium Bruchstücke eines Gesprächs zwischen Cindy und Gregory mitbekommen, in dem das Wort ›overdose‹ fällt. In der darauffolgenden Nacht erlebt Amalia etwas, woran sie sich zwar später nicht erinnern kann, was sie aber mit Kleists Marquise von O… verbindet. Genau das. Das Unerhörte.

Einige Wochen danach erleidet sie eine Fehlgeburt. Was ist in dieser Nacht in dem bayrischen Hotel passiert? Und wie hängt das damit zusammen, dass sie tags darauf einen schwerverletzten Gino und eine ramponierte Cindy im Kreiskrankenhaus antraf? So scheinen sich die Dinge nach gut hundert Seiten zuzuspitzen, und wäre Die Schmerzmacherin ein Thriller und kein Roman von Streeruwitz, ginge es darum, Licht in diese undurchsichtigen Ereignisse und ihre Zusammenhänge zu bringen. Doch darum geht es nicht.

***

Es geht um Amalia und ihre Verlorenheit in einer Welt voll politischer, wirtschaftlicher und zwischenmenschlicher Unsicherheiten: 
»Sie wollte eine einzige Linie haben. In ihrem Leben. Sie wollte einen einzigen Weg gehen. Aber sie wusste nichts mehr. Nicht, wie man leben sollte. Nicht, wie sie leben sollte. Das Leben in die Hand nehmen.« (281)
Dass Amalia bei der Allsecura gelandet ist, scheint bei ihrer psychischen Disposition gar nicht so zufällig, sondern könnte als unbewusster Versuch zur Selbsttherapie verstanden werden. Da ist zum einen die Möglichkeit zur Verdrängung in Kombination mit der Möglichkeit, die Welt zu retten, weil man sich selbst nicht retten kann:
»Sie hatte diese Allmachtsphantasien, damit sie nicht zur Kenntnis nehmen musste. Sie glaubte nicht an die Gerichte, die diese Männer herschickten. Sie glaubte an eine Unschuld, die sie selbst noch nie erlebt hatte. Sie hatte Allmachtsphantasien, damit sie nicht zugeben musste, wie man an ihr gehandelt hatte. Sie sollte sich hassen dafür. […] Für diese Dummheit. Sie hatte Angst, alles zu verlieren. Sie hatte Angst davor, hart zu werden. Sie sollte sich das zugeben.« (267)
Zum anderen bietet die Ausbildung eine Form der Abhärtung, nach innen wie nach außen. Körperlicher Drill und drastische Übungen in Verhörmethodik stehen auf dem Programm. Machtbewusstsein, Kontrolle der eigenen Gefühle und Steuerung des Gegenübers werden geschult, bis es weh tut. Jeder für sich, unabhängig von den anderen. Drei Monate – länger soll kein Team zusammenarbeiten, so Gregorys Dogma, sonst drohen Bindungen mit potenziell kontraproduktiven Folgen für die Zielvorgaben: 
»Attachment. Das war anstrengend Das wurde immer anstrengender Das war Schwerarbeit. Das kostete alle Kraft.« (353)
So züchtet man autarke Einzelkämpfer mit eingebauter Empathielosigkeit heran, wie Amalia mit zunehmendem Befremden feststellt, vor allem nachdem die Allsecura etwa in der Mitte des Romans von einer amerikanischen Firma übernommen worden ist und der Corpsgeist sich notwendig den ›US marine standards‹ angepasst hat.

Das Politische an Die Schmerzmacherin scheint mir vor allem in der Darstellung dieser Welt der Sicherheitsdienste zu liegen. Es ist Welt der sozialen Kälte, in der sich diese Menschen für den Ernstfall stählen.

***

Ein Fazit: Streeruwitz beweist in diesem Roman einmal mehr ihre Meisterschaft darin, innerpsychische Zustände der Verlorenheit des einzelnen zu vermitteln, wobei sie die Tragik dieser Gefühlsgrundlage durchaus durch distanzierende Stilmittel wie Humor und Ironie zu brechen weiß. Ihre Hauptfigur und deren labyrinthisches Innenleben bieten viel Stoff und der Roman bietet einige sehr schöne Szenen, wegen derer allein sich die Lektüre bereits lohnt. Und eines hat der Roman mit so manchen Thrillern gemeinsam: Man weiß bis zuletzt nicht, wohin er einen führt.


Angaben:
Marlene Streeruwitz: Die Schmerzmacherin. 400 Seiten. Frankfurt am Main. Fischer 2011.









Mittwoch, 17. April 2013

Wolfgang Herrndorf: Tschick (2010)


Alles ist ein erstes Mal

Eine inspirierende Bühnenfassung an einem Aprilabend 2013 veranlasste mich, den Roman drei Jahre nach seinem Erscheinen aus dem Regal zu holen, wo er nach einem ersten erfolglosen Anlauf gelandet war, und innert eines Tages zu lesen. Zwei Jungs der Bühne ›Junges Theater Basel‹ hatten mich im Verbund mit an die hundert Autoreifen auf einer ansonsten leeren Bühne derart gut unterhalten und neugierig gemacht, dass ich die Vorlage an der Umsetzung messen wollte.

Zwei Vierzehnjährige wagen die große Flatter und riechen den Duft der Freiheit, wie er nur beim ersten Mal riechen kann. Dinge, die mit den Eltern jeglichen Erlebnischarakters entbehren, werden zur sinnlichen Erfahrung und gewinnen an Tiefe und Bedeutung. Autofahren ohne Erwachsene, die offene Landschaft, die sich vor ihnen ausbreitet, der Arm ausm Fenster bei voller Fahrt, die Sterne über dem Himmel, das Grillengezirpe, die selber gepflückten Brombeeren. Das alles war immer schon da, aber irgendwie auch nicht oder nur in schwarzweiß oder 2D. Jetzt knallt es und lebt, jetzt ist es ausschließlich für sie da – es ist gerade so, als würde man Zeuge davon, wie Blinde sehen lernen.

Bevor es losgeht und bevor alles anders werden kann, werden erstmal die Ausgangslage und der Alltag beschrieben, damit die Differenz danach erst richtig fühlbar wird. Wie in etlichen anderen Romanen rund um Adoleszenz und Schule geht es auch hier um das Überleben in einem Kampf jeder-gegen-jeden zwischen Gleichaltrigen, Lehrern und Eltern. Der Protagonist sieht sich als Wesen, das von zwei einander bekriegenden Menschen in die Welt geworfen wurde, die seit jeher mit sich selbst beschäftigt scheinen, und er selbst ist derart der Bedeutungslosigkeit preisgegeben, dass es nicht mal zu einem Spitznamen reicht und er selbst bei Höchstleistungen keinerlei Aufmerksamkeit erhält, weil – ja weil der Coolnessfaktor einfach nicht stimmt. Andere brauchen bloß zu sein, schon sind sie in aller Munde. Er aber ist die Luft, durch die man durchsieht.
Die Frustration angesichts der so undurchsichtigen wie nicht zu beeinflussenden Verteilung von Sichtbarkeit und Sexiness in den Augen der Mitmenschen hält sich dabei in Grenzen, sie wird so schafsmäßig hingenommen wie der Umstand, dass es nachts dunkel wird. Aufregung hilft nicht weiter. Das Leben ein graues Band vor ihm. Immerhin gibt es eine Oase in der Wüste, und sie hat einen weiblichen Vornamen. Tatjana ist die Fotowand, die seinen inneren Sehnsuchtsraum belebt, dabei eine Frau ohne Eigenschaften, wie später Tschick formulieren wird. Also eine schiere Projektionsfigur, ähnlich wie Emil Sinclairs Beatrice aus Hesses Demian. Sie sonnt sich darin, von allen heiß begehrt zu werden, und darin erschöpft sich auch ihr Sein. Das wäre ein Grund, sie gründlich zu ignorieren, doch natürlich ist es genau umgekehrt: Je hohler das Idol, desto besser lässt es sich beleuchten, je fader, desto Projektion.
Um so besser, tritt Tschick in sein Leben. Ein Glücksfall. Tschick ist der Asi mit den Mongolenaugen, der Außenseiter, der sich in der Not zum Maß aller Dinge macht. Flucht nach vorn. Weil der zugewanderte nobody nicht zu verlieren hat, ist er davon befreit, es irgendwem recht machen zu müssen, da das nichts an seinem Verliererstatus ändern würde, im Gegenteil. Also klaut er am zweiten Tag der Sommerferien einen Lada, holt den traurigen, unerhörten Tatjana-Fan zuhause ab und zwingt ihn zu seinem – zu beider– Glück.
Weg, weg, abhau’n, weg! So lautet die Parole, und weil der Führerschein noch mindestens vier Jahre entfernt ist, geht es über Feldwege und wenig frequentierte Nebenstraßen vage Richtung Süden, wobei schon bald der Zufall bei den Kreuzungen entscheidet, in welche Richtung es weitergeht. Im Grunde ist das nämlich egal, solange das Hier-und-Jetzt so aufregend ist.
Sagte ich aufregend? Na ja, aufregend für die beiden Jungs, die Stationen lauten Supermarkt, Tankstelle, Müllhalde, Krankenhaus. Bei der Müllhalde begegnet ihnen ein Mädchen namens Isa, das eine Zeitlang mitfährt – lange genug, dass sie Tatjana unwichtig werden lässt. So schnell kann das gehen. Vor allem aber geht es darum, wie die Beteiligten sich die Welt, ihr Selbstverständnis und ihre Beziehung zueinander erreden, das was sie füreinander sind. Nix metaebene, alles noch indirekt, aber dennoch mittenrein ins Herz.

Jedes Gespräch wird vom Schein der Oberflächlichkeit begleitet, der Jargon ist betont cool und derb, und doch geht es immer ums Ganze. Wer bin ich? Was ist mir die Welt? was bist du mir? Gesprächsfetzen werden tiefer empfunden als der Andreasgraben. In jedem Witz verbirgt sich eine potenzielle Selbstoffenbarung. Alles ist ein erstes Mal.

Hier erobern sich zwei Lausbuben die Welt ganz alleine für sich und man sieht und hört ihnen gerne dabei zu, denn zum einen ergänzen sie sich sehr gut, der Dreiste mit Geheimnis und der Brave mit den Selbstzweifeln. Zum andern gibt man sich gerne dem frischen Erzählerjargon hin, der den pubertären Weltbeschreibungen und Selbstbildern und vor allem den knackigen Dialogen den nötigen Witz verleiht. Nach ca. 150 Seiten allerdings erschöpft sich die Wirkung etwas und es ist gut, dass der Roman nach der Heimkehr und als Abschluss noch einen Knaller zu bieten hat, der nachhallt.

Was bleibt, ist das Gefühl, gut unterhalten worden zu sein und eine Reise in die eigene Jugend unternommen zu haben. Nicht jeder hat mit 14 eine Spritztour gemacht, doch manchem ist so ein Tschick durch die Biografie gelaufen, der einem mit seinem Geradeaussein die Brille geraderückt und die eigene Höhle aufhellt. Die Form bestimmt den Inhalt. Was in der eigenen Jugend als durchaus düster und dramatisch erlebt wurde, wird hier dank der komödiantischen Grundhelligkeit in ein milderes Licht getaucht. Dem Roman aber seine dramatischen Seiten abgewinnen zu wollen, würde bedeuten, seine Form zu ignorieren und ihm seine Stärke zu rauben. Hernsdorf ist kein Wedekind, auch wenn er teilweise die identischen Themen behandelt.

Freitag, 4. Januar 2013

Philip Roth: Nemesis (2010)

Ödipus in Newark, 1944



Nemesis beschäftigt sich exemplarisch mit dem uralten philosophischen Thema, dass wir Menschen schuldig werden können, ohne es zu wollen. Dass wir immer nur nach dem Richtigen streben können, aber letztlich nicht notwendig beurteilen können, ob wir nicht gerade etwas sehr Falsches tun.

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Bucky Cantor heißt die Hauptfigur, und – Moment, ich merke jetzt schon und schicke das voraus, dass ich bei diesem Roman das Ende einbeziehen muss, um darüber schreiben zu wollen und zu können. Vielleicht werde ich sogar mit dem Ende beginnen. Wer also den Roman wegen der Storyline erst noch lesen möchte und Spoiler meiden will, der darf jetzt eigentlich nicht weiterlesen.
Restart: Im Zentrum steht Bucky Cantor, ein strammer angehender Sportlehrer Mitte zwanzig, einer, der seine Schüler mag und den die Schüler mögen. Er sieht gut aus, verfügt über Ausstrahlung und Charisma, ist fair und gewissenhaft – ein idealer Pädagoge. Als Frühwaise ist er bei seinen Großeltern aufgewachsen. Sein schon vor Jahren verstorbener Groß- und Ersatzvater war sein Held und Mentor, ein einfacher, geradliniger Mann, ein Vorbild an Pflichtbewusstsein, Tapferkeit und Integrität. 

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Der Roman spielt im vorletzten Kriegsjahr, während der Sommerschulferien 1944. Schauplatz ist Newark, NewJersey, eine mittelgroße Stadt etwas westlich von New York am Atlantik. So traurig Bucky darüber ist, elternlos und ärmlich aufgewachsen zu sein, so hoffnungsfroh blickt er auf sein zukünftiges Leben. Er ist zuversichtlich, früher oder später seinen Traumberuf als Sportlehrer an einem College ausüben zu können und er ist glücklich verliebt in die hübsche Marcia, die älteste Tochter einer frommen jüdischen Ärztefamilie. Das Nest scheint bereitet.

Nemesis – der Titel läßt keine Zweifel zu – dreht sich um drei Dramen, die Buckys Glück im Weg stehen. Die ersten beiden begleiten ihn über die längste Zeit des Romans, das dritte besiegelt das Ende. Das erste Drama bildet eine Art Voraussetzung für die nachfolgenden: Als Träger einer starken Brille ist es Bucky versagt worden, seiner patriotischen und ethischen Bestimmung zu folgen und als Soldat für sein Vaterland zu kämpfen. Für einen wie er ist das eine Schmach und persönliche Niederlage, ein dauernder Grund sich zu schämen. Voller Neid denkt er an Freunde und Bekannte, die an der Front stehen, dort, wo ein guter Amerikaner eben zu stehen hat. 

Das zweite Drama: die Stadt kämpft gegen ene Polio-Epidemie, die sich als sehr hartnäckig und gefährlich herausstellt, besonders in Buckys Viertel. Das öffentliche Leben wird mehr und mehr eingeschränkt, bis zuletzt alle öffentlichen Gebäude und Plätze gesperrt werden. Bevor es dazu kommt, werden Männer wie Bucky gebraucht, die während der langen Sommerferien an öffentlichen Sportplätzen für Ordnung sorgen und sich um diejenigen Kinder kümmern, die von den Eltern nicht ins Umland geschickt wurden, meist aus finanziellen Gründen. Bucky, dessen männliches Ehrgefühl eh schon angeknackst ist (was macht einer wie er noch in der Heimat?), muss tatenlos dabei zusehen, wie einige der Jungs von seinem Platz der Krankheit zum Opfer fallen, die einen sterben, die anderen tragen bleibende Schäden mit sich oder enden in der Eisernen Lunge, ein fürchterliches Schicksal.

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Bucky will das Richtige tun, und sein Pflichtgefühl sagt ihm, dass er die Stadtkinder nicht im Stich lassen darf, die davon abhängen, dass einer wie er ihnen den Aufenthalt auf Sportplätzen ermöglicht. Marcia aber, die als Leiterin in einem Summer Camp auf dem Land beschäftigt ist, möchte – halb aus Sehnsucht und halb aus Sorge um ihn –, dass er ihr nachreist. Eine Stelle sei offen, für die er ideal wäre. Als die Epidemie immer mehr Opfer fordert aus seinem Umfeld, wird er unsicher.
In seiner Ohnmacht entwickelt Bucky einen Zorn auf den Gott, der diese Plage über die Stadt bringt, er stellt die Theodizee-Frage: Wieso lässt der vermeintlich Allmächtige eine Krankheit zu, die ausgerechnet Kinder befällt? »Hat Gott kein gewissen? Wo ist seine Verantwortung?« (85) Will er damit beweisen, »dass wir auf der Erde Menschen brauchen, die verkrüppelt sind?« (134) Wieso preisen ihn selbst die Opferfamilien? Wäre es nicht plausibler, der Sonne zu huldigen als »die offizielle Lüge zu schlucken, Gott sei Liebe und Güte, und vor einem kaltblütigen Kindermörder im Staub zu kriechen.« (63) Es sind naive Fragen, aber altbekannt. Für ihn sind sie drängend, denn er hält die Hilflosigkeit nicht aus.
Die Zweifel am Sinn seiner Tätigkeit nehmen zu, nachdem ihm die Mutter zweier infizierter Kinder vorwirft, eine Mitschuld zu tragen: »Sie lassen sie da oben herumrennen wie Tiere – und dann wundern Sie sich, wenn die Kinderlähmung kriegen! Weil sie nicht aufgepasst haben! Weil es gedankenlose Idioten wie Sie gibt.«. (67) Schließlich gibt er Marcias Drängen nach, nicht ohne mit sich zu hadern: er, der nicht an der Front sein Leben aufs Spiel setzt wie alle anderen, hat nun aus freien Stücken seinen Dienst an der Heimatfront quittiert. Das Problem: »je glücklicher er war, desto demütigender.« (137)

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Was er nicht weiß, was sich aber nach einigen Tagen in dem Summer Camp herausstellt: Bucky selber ist Träger der Krankheit, nur ist sie bei ihm noch nicht ausgebrochen. So muss er sich vergegenwärtigen, mehrere der Kinder in seinem Umfeld an beiden Orten infiziert zu haben, darunter einige seiner Lieblingsschüler (mit denen er mehr Zeit verbrachte) und eine Schwester Marcias, und sie damit einem schlimmen Schicksal überlassen zu haben. 

Das dritte und letzte Drama ist hausgemacht, die finale Katastrophe in Form einer lebenlänglichen Selbstbestrafung: der von der Krankheit versehrte Bucky gibt Marcia den Laufpass, weil er es nicht aushält, dass die Frau, die er liebt, ihr Leben mit einem Versehrten verbringen soll, einem Schatten des Mannes, in den sie sich verliebt hatte. Und einem Verdammten. Insofern handelt es sich bei Nemesis tatsächlich um ein Schicksalsdrama in der Nachfolge von Sophokles' Figur des Ödipus: Bucky, der alles richtig machen will, wird unschuldig schuldig und leistet Leid und Tod Vorschub. Zwar ist er nicht die Ursache der Plage an sich (wie bei Sophokles), muss aber mit dem Bewusstsein leben, dass er ein Teil des Problems war, das er meinte lösen zu können. 

Wäre es ihm vergönnt gewesen, als Soldat zu kämpfen, wäre er nicht in Kontakt mit der Epidemie und den Kindern gekommen, mit etwas Glück hätte er nach dem Krieg mit Marcia glücklich werden können. Wäre er in der Stadt geblieben, in der kurz nach seinem Weggang eine Ausgangssperre verhängt wurde, hätte er keine weiteren Kinder infisziert. Und hätte er Marcia nachgegeben, die ihn anflehte, ihn zu heiraten und ihm ihre ganze Liebe zu Füßen legte, vielleicht hätte er an ihrer Seite bei allen Einbußen ein glückliches Leben führen können. 

MannMannMann, das ist starker Tobak. Dieser letzte Teil des Romans haut einen um, Buckys existenzielle Not und sein schier unfassbar selbstloser Verzicht auf Liebe, Trost und Partnerschaft sind kaum zu verstehen – und schwer auszuhalten. 

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Dennoch konnte mich der Schluss nicht über eine gewisse Langeweile hinwegtrösten, die sich beim Lesen der ca. 180 Seiten vor diesem fulminanten Ende einstellte. Woran liegt's? Ich kann nur von mir sprechen, aber mich langweilte zum einen das etwas unterkomplexe Wesen der Hauptfigur und deren ethischer Pathos, das Hohelied vom guten Pädagogen – erzählt wird das Ganze übrigens von einem ehemaligen Schüler und Bewunderer Buckys, der aber kaum in Erscheinung tritt. Die etwas fade Erscheinung und glatte Oberfläche dieses idealen jungen verkappten Helden an der Heimatfront mit seinem patriotischen Komplex konnte nie meine Neugierde wecken, obwohl ich sein Gefühl der Insuffizienz aus seiner Warte nachvollziehen kann. Aber sie erinnerte mich an die Unlust, die mich überfiel, als ich vor Jahren Roths berühmtesten Roman The Humain Stain zu lesen begann und das Buch nach 50 Seiten enttäuscht weglegte, weil ich es schlichtweg nicht aushielt, wie penetrant Roth dort die Apotheose seiner Hauptfigur betreibt. Aber bitte – who am I to criticize the master.
Das zweite, was mich stört, sind die schier endlosen und absolut spannungsarmen Beschreibungen der neighborhood Newarks. Das ist etwas für Ethnologen mit einem spezifischen Interesse für die amerikanische Stadt Mitte des 20. Jahrhunderts. Aber dramaturgisch trägt das kaum. Dafür fehlt mir die Geduld und in diesem Roman rettet Roths a priori hochgelobte Sprache auch nicht über eine gewisse Spannungsfreiheit hinweg. Kann schon sein, vielleicht ist das mit der Geduld ja eine charakterliche oder gar eine Generationenfrage. Es wäre jedenfalls icht allzu weit hergeholt, dass Roth hier auch derjenigen Stadt ein Denkmal setzen wollte, in der er 1933 geboren wurde.

Während also Nemesis etwas an mir vorbeiging, haben mich einige der neueren Romane, die ich von Roth kenne, richtig fasziniert, z.B. Die Demütigung (2009), Das sterbende Tier (2001) oder Exit Ghost (2007). Dort bringt er einen zum Lachen und schockiert, und es gibt eine Storyline, die zieht. Zwar finde ich nun, da ich den Ausgang von Nemesis kenne, ich sollte ihn vielleicht nochmals zur Hand nehmen und einzelne Passagen erneut mit etwas mehr Ruhe lesen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich mir ein Roman erst bei der zweiten Lektüre offenbart – yet – ich habe meine Zweifel, ob das in diesem Fall so wäre. Falls doch, werde ich das selbstverständlich nicht für mich behalten und demütig zu Kreuze kriechen.
Jedenfalls gelobe ich an dieser Stelle, dass Nemesis nicht der letzte Roman von Philip Roth sein wird, über den ich schreibe. ›Kommt Zeit, kommt Rat, kommt gute Tat.‹ (Und du wartest von Element of Crime, danke, Sven, für diese schöne Zeile)

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Philip Roth: Nemesis (urspr. 2010). Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Rowohlt Hamburg, 2012. 219 Seiten.