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Mittwoch, 11. Februar 2015

Marlene Streeruwitz: Nachkommen (2014)



Odyssee einer jungen Frau in einer alten Welt

»Ich kritisiere nicht. Ich lehne ab. Ich lehne jede Verantwortung für all diese Erbschaften ab, mit denen ich belastet werde. Jede Verantwortung.« (377)
Sagt Nelia Fehn vor laufender Kamera im Live-Interview mit 3sat. Ein cooles Statement, besonders für eine 20jährige, besonders bei einem ersten Fernsehinterview. Ihre Aussage bildet auch das Leitmotiv des Romans, der rund 48 Stunden in ihrem Leben erzählt und in dem wir die verschiedenen Fronten kennenlernen, an denen sie gerade um ihre Selbstvergewisserung kämpft.
Denn so selbstsicher, wie ihr Statement vermuten lassen könnte, ist Nelia in Wirklichkeit gar nicht, eigentlich hat sie sich vorgenommen, solche kapitalen Aussagen genereller Natur zu vermeiden und ausschließlich über ihren Roman zu reden. 
»Sie musste durchsetzen, dass das ein Roman war und kein Buch und dass es richtig war, dass es Romane gab, und dass es um die Wahrheit ging. Um die vielen Möglichkeiten davon. Wenn sie das vor der Kamera alles sagen konnte, dann würde sie es selber glauben müssen. Dann konnte sie nicht mehr in diese Zweifel verfallen.« (313)
Diese Zweifel hat sie nämlich: Ihr Debut handelt von der Reise einer familiär überdurchschnittlich vorbelasteten jungen Frau ins Griechenland der Gegenwart, wo gerade alles aus dem Ruder läuft. Und wo sie einen Mann kennenlernt. Neues Horizonte, neue Themen. Die familiäre Vergangenheit, der mitgebrachte Ballast, wird eingearbeitet, abgearbeitet, weggeschrieben. Nun kann die Zukunft beginnen. Doch die ist von der Vergangenheit nicht so leicht zu trennen, sie hängt sogar von ihr ab. Es ist kompliziert. Der Reihe nach.
Mit ihrem Roman landet sie, frisch vom Abitur, auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Was vielleicht kein Zufall ist. Denn sie tritt damit in die Fußstapfen ihrer Mutter, die fünf Jahre zuvor verstarb und so etwas wie ein österreichischer Literaturstar war. Kein leichtes Erbe. Aber womöglich eine Starthilfe, und zwar eine, die sie brauchen könnte, allein aus ökonomischen Gründen. Im richtigen Leben heißt dieser junge griechische Mann Marios und wurde bei einer Demo von der Polizei übel zugerichtet. Nun liegt er mit zwei gebrochenen Fußgelenken in der Wohnung seinr Eltern und ihm fehlen die rund 50'000 Euro für die notwendige OP. Grund genug für Nelia, die prestigeträchtige Auszeichnung gewinnnen zu wollen. Auch wenn das Preisgeld nur für ein Fußgelenk reichen würde.
Damit der gewonnen wird oder damit aus ihr überhaupt jemand wird, der vom Schreiben leben könnte, muss sie sich anpassen, die Regeln möglichst befolgen, so wie das ihre Mutter getan hat, wie es ihr der verleger Gruhns anrät, wie es von verschiedenen Seiten an sie herangetragen wird. Die Frage lautet: Will sie das? Denn sie ist gerade dabei, sich zu lösen, zu sich zu kommen. Da ist so ein Anpassungsprozess kontraintuitiv. Und mit ihren jungen Jahren und als Newcomer ist sie sowieso eine Exotin, ein Fremdkörper in dem von Routine geprägten Literatur- und Messebetrieb.
»Es war aber auch klar, dass das alles vollkommen gleichgültig war. Sie würde da auftauchen und wieder verschwinden. In diesem Trubel hier. Sie kam sich vor wie ein sehr kleines Mädchen, das auch ein geburtstagsgedicht aufsagen durfte. Alle fanden das kleine Mädchen süß. Aber dann wandten sich die Erwachsenen ab und redeten über die wichtigen Dinge. Sie sagte sich, dass das an ihr liegen würde. dass es an ihr läge, wie sie wahrgenommen werden würde. dass si es in der Hand hatte.« (368)

***

Gleichzeitig mit dem Ruf nach Frankfurt zur Buchmesse muss sie sich von ihrer Restfamilie verabschieden, ein Abschied für immer. Der Tod des fast 90-jährigen Großvaters, dessen Liebling sie war, bedeutet, dass sie nun aus dem Nest geworfen wird. Man hat schon ihrer Mutter den Erfolg und den Glamour geneidet, man hat nach deren Tod das uneheliche Kuckuckskind zur Pflege übernommen, doch nun, nach dem Abitur und dem Tod ihres Beschützers und Mäzens, ist ihre Zeit abgelaufen. Von der Oma und der Tante etcetera hat sie nichts mehr zu erwarten.
Und dann ist da noch ihr Vater. Der wohnt in Frankfurt, wo sie jetzt hinfliegt, und will sie treffen. Die Gelegenheit nicht versäumen, die junge Frau kennenzulernen, deren Geburt er, wie sich bald herausstellt, lieber verhindert hätte. Da fragt sich die Tochter im Aufbruch: Ist sie für ihn jetzt nur interessant, weil sie im Begriff ist, zu einer öffentlichen Person zu werden? Will Nelia einen Mann kennenlernen, der abgesehen von seinen Minimalbeträgen an Unterhaltsgeld keine Rolle in ihrem bisherigen Leben spielte? Immwrhin könnte sie über ihn eine Seite ihrer Mutter kennenlernen, von der sie nichts weiß. Andererseits  war ihr Erzeuger in ihren Augen fast schon tot:
»Dieser Körper war sterblich. Es war einer dieser Augenblicke und es fiel über sie her. Die Sterblichkeit einer anderen Person. Die Verletzlichkeit hüllte dann diese Person ein. Ganz. Die Person wurde vor den Augen das, was vergänglich war. In solchen Augenblicken wurde ihr das Leben selbst klar. Klar in einer Ahnung und ungenau. Und nur kurz zu ertragen und gleich wieder verging. Beim Großvater eben genauso gewesen. Der Großvater in seinem Intensivbett inmitten seiner Apparate und ihren Signalen. Und jetzt war dieser Mann vor ihr. Der war auch alt. Nur von seinem Leben wusste sie schon gar nichts. Er hatte nur ihres mitbewirkt wie der Großvater auch. Das schien aber hier endgültig gleichgültig zu sein, und trotzdem saßen sie hier.«(238) 
Die Auseinandersetzung mit ihrem fast schon toten vater ist nur eine der Fronten, mit denen sich Nelia gleichzeitig auseinanderzusetzen hat und die sie über die mehr als 400 Seiten begleitet. Eine andere ist ihr Verleger. Wie sehr kann sie sich auf den, einen weiteren alten Mann, verlassen? Warum redet er wie ale anderen auch eigentlich immer nur von ihrem »Buch«, nicht von ihrem »Roman«?  Wer von all den Menschen, die rund um die Buchmesse wie Bienen um einen Bienenstock schwirren und deren Meinungen relevant sind, hat ihren Roman überhaupt gelesen? Und was muss es sie kümmern, sind doch die meisten älter als fünfzig und teilen mit Nelia nicht dieselbe Welt, leben auf ihrem eigenen, einem alten Stern? Und vor allem: wie soll es in ihrem Leben nun weitergehen?
»Sie hatte ihren Roman schon längst vergessen. Dieser Roman galt für sie schon längst nicht mehr. Für sie ging es darum, wie sie die nächste Entscheidung traf. Aber für sich. Was sie für sich wollte. Wie ihr Leben ausshen sollte.« (404)
Die Antwort auf diese Frage muss warten. Erzählt werden ca. 48 Stunden, die Handlung beginnt in Wien, spielt dann zur Hauptsache in Frankfurt, die dramaturgischen Höhepunkte bilden die Preisverleihung, Interviews mit der Presse und die Auseinandersetzung mit dem Vater. Nelia trifft auf eine ganze Reihe von Leuten, sie begegnet ihnen als eine junge Außenseiterin und Newcomerin, ungeschützt, ungecoacht, alleingelassen. Das macht sie zu einer sehr interessanten Perspektivfigur: gelenkt durch ihren so unsicheren wie ungetrübten und unbestechlichen Blick tauchen wir in ein in den Mikrokosmos des Buchhandels zum Zeitpunkt einer seiner vermeintlichen Feierstunden, der Messe, dem Aushängeschild dieser Industrie, die sich in einer konstanten Krise befindet. Ein Beispiel: Gruhns, ihr Verleger, freut sich, dass die österreichische Kulturministerin ihren Stand an der Buchmesse besucht hat:
»›Was für eine Ehre. Eigentlich. Wir hätten Fotos machen sollen.‹ War Gruhns beeindruckt. Sie musste lachen.›Wo ist da jetzt die Ehre?‹, fragte sie.›Na ja. Die kommt da extra in unsere Ecke. Das finde ich schon nett.‹›Aber sie hat uns doch nur die Hände geschüttelt.‹›Was sollte sie denn sonst tun?‹›Meinen Roman lesen.‹Gruhns seufzte. Das, meinte er dann. das würde nicht passieren. Aber das wüsste Nelia doch. Das habe Nelia doch gewusst. Literatur wird nicht gelesen. Literatur. Das gab es. Aber nur in Personenform und nicht als Texte.« (342)
Das hat etwas Komisches, Hysterisches, Bemühtes, für Nelia aber auch etwas Beängstigendes, an ihre Existenz Rührendes. Auch weil sie gleichzeitig die Welt ihrer Mutter kennenlernt, die sie nach wie vor zu vermissen scheint, über deren Tod sie lange nicht hinweggekommen sein muss, an die sie sich nun aber annähert, im der für sie sehr fremden und vorwiegend abweisenden Messestadt Frankfurt, wo sie vermutlich auch gezeugt wurde.
Wie das bei Streeruwitz so üblich ist, erlebt man die Protagonistin sehr nah: Ihre selbstbehauptende Trotzigkeit und ihr unverstellter, um Unabhängigkeit kämpfender  Blick auf das sich routiniert abwickelnde Geschehen um sie herum verleiht dem Roman etwas sehr Erfrischendes, Freches. Und man interessiert sich wirklich für ihre Regungen und Wahrnehmungen, kann sich gut in die hineinversetzen, wenn sie von dem halbseiden wirkenden Verleger in preisgünstige Gästezimmer abgeschoben wird, von lauernden älteren Frauen beäugt, von selbstherrlichen oder selbsternannten Platzhirschen angeflirtet oder angeraunzt wird, je nachdem, wie die Herren zu ihrer verstorbenen Mutter stehen. 
»Und sie solle sich nicht wundern. Das wären eben Stresszeiten. Buchmesse. Da wollten alle schön ausschauen, und die wenigsten brächten das zusammen. Nicht jeder habe es so einfach wie sie. Sie müsse ja nur dasitzen, und das wäre schon ein ästhetisches Ereignis. Der Mann seufzte.« (124)
***

Streeruwitz hat hier aus dem Vollen schöpfen können. Die schon lange im Literaturbetrieb angekommene Autorin kam mit ihrem letzten Roman ›Die Schmerzmacherin‹ selbst auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Der war relativ schwierig zu lesen und bewegte sich in unvorhersehbaren Bahnen. ›Nachkommen‹ ist vergleichsweise leichte Kost, liest sich sehr süffig, was aber kein Nachteil ist. Die Odyssee einer jungen Frau in der Welt der Literaturindustrie birgt viele Einsichten und spannende Wahrnehmungen.

***

Ausgabe:
Marlene Streeruwitz: Nachkommen. Verlag S. Fischer, 1. Auflage, Frankfurt am Main 2014. 432 Seiten.

Dienstag, 6. August 2013

Textauszüge zu Marlene Streeruwitz: Die Schmerzmacherin (2011)



zur Rezension geht es hier


Textstelle 1
Thema: dionysischer Rausch; Panikattacke; Todesangst; Paranoia

»[…] Von draußen war ein Hubschrauber zu hören. Sie blieb auf dem Halbstock stehen und schaute durch das Fenster hinaus. Von da war aber nur der Parkplatz zu sehen und der Vorbau der Rezeption. Ihr Auto stand da. Die Fenster matt vereist. Sie sollte zu ihrem Auto gehen und wegfahren. Das Eis abkratzen und davonfahren. Sie wäre gerne zu ihrem Auto gegangen und davongefahren. Aber es war etwas los. Etwas Aufregendes. Etwas sehr Aufregendes, und das Geräusch des Hubschraubers kam näher. Sie konnte das Kreisen der Rotorblätter des Hubschraubers in der Magengrube spüren. Sie trat ganz ans Fenster und schaute in den Himmel hinauf. Dieser Hubschrauber musste gerade über dem Gebäude stehen. Die Fensterscheiben vibrierten, und die Fensterflügel schepperten gegeneinander. Sie lief den breiten Stiegenaufgang hinunter. Lief zur kleinen Tür. Die Tür stand offen. Die Türklinke lag am Boden. Sie hob sie auf und zog die Tür hinter sich zu. Im Gang zum Turnsaal. Durch diese Fenster konnte sie nichts sehen. Sie lief den Gang hinunter. Der Hubschrauber schien nun links zu landen. Auch hier klirrten die Fenster, und Staub rieselte von der Decke. Alles vibrierte. Der Lärm durchdrang alles. Sie fühlte sich leicht. Als könnte sie in diesem Lärm sehr hoch springen. Fliegen vielleicht. Sie lief lachend zum Umkleideraum. Aber dann war ihr der Mantel gleichgültig. Sie probierte die Tür zum Turnsaal. Die Tür ließ sich öffnen. Sie hatte recht gehabt. Es war ein regulärer Turnsaal. Die Seile an Schnüren hinaufgezogen an der Decke unter den vergitterten Leuchtröhren. Sprossenwände rundum. Sie lief auf die andere Seite und kletterte eine Sprossenwand hinauf und schaute durch eines der Fenster hoch oben auf dieser Seite. Aber hier passierte nichts. Schnee und der Betonzaun weit hinten mit den Peitschenleuchten und den Glasscherben obendrauf. Dann gleich wieder Felder. Sie stieg hinunter. Der Lärm des Hubschraubers nun so dröhnend und heftig, als landete er im Turnsaal. Der Boden unter ihren Füßen bebend. Sie lief zurück auf die Seite beim Eingang und stieg hier hinauf. Durch diese Fenster sah man auf den schmalen Gang hinunter und auf die großen Fenster des Gangs, und wieder versperrte das Rissglas die Sicht. Ein riesiger Schatten verdunkelte die Sicht. Sie hätte schreien können vor Vergnügen über dieses Chaos, in das der Hubschrauberlärm alles warf. Aber was da geschah. Was vor sich ging. Es war nicht auszumachen. Sie konnte nichts sehen. Sie stieg hinunter. Hüpfte von der Sprossenwand weg und schaute sich um. Hier gab es keine Türen mehr. Es gab nur diese eine vom Gang her. Der Hubschrauberlärm hing im Raum und hatte kaum Platz. Sie rannte auf den Gang. Hier war eine Tür. Ganz am Ende. Aber es war gleich zu sehen. Diese Tür war seit langem nicht geöffnet worden. Sie rüttelte an dem Metallbalken, der quergespannt die Tür absicherte. Der brüchige Lack zerkratzte ihr die Hände. Lackfetzchen und Staub rieselten zu Boden. Es war sinnlos. Sie stampfte mit dem rechten Bein auf und begann zu schreien. Sie hielt sich die Ohren zu und schrie. Es war wunderbar. Ihr Schreien verhallte im Dröhnen des Hubschraubers im Hof draußen. Sie trampelte auf der Stelle und schrie. Dann lief sie in den Turnsaal zurück und begann sich zu drehen. Schreiend hielt sie die Tasche in der rechten Hand und schwang die Tasche im Kreis, bis sie von der Tasche gezogen im Kreis gedreht wurde. Sie musste zu schreien aufhören und lachen. Sie musste sich zu drehen aufhören. Vom Schreien war ihr Hals trocken. Sie hustete. Lachte. Hustete. Sie setzte sich auf den Boden. Der Hubschrauberlärm war einen Augenblick noch stärker. Sie fühlte die Vibrationen zwischen den Beinen. Sie streckte die Beine aus und drückte die Scheide gegen den Boden. So sitzend fischte sie den Flachmann aus der Tasche. Wenn sie ordentlich ihre Übungen machen würde, hätte sie im Spagat sitzen können und hätte den ganzen Hubschrauber so spüren können. Sie schraubte die Flasche auf und trank. Sie musste den Bauch nach vorne durchstrecken, damit die Scheide so auf dem Boden aufgepresst blieb, und den Kopf nach hinten legen, damit sie trinken konnte. Sie saß trinkend in diesem alles erfüllenden Lärm und bekam ihn über ihre Schamlippen in den Körper signalisiert. Sie war der Lärm, und sie dachte mit dem Wodka mit. Wie er in sie hineinrann und vom Lärm ins Vibrieren mitaufgenommen wurde. Der Hubschrauber dröhnte auf. Noch eine Steigerung, und dann zog sich alles zurück. Die Vibrationen waren sofort weniger. Kleiner. Entfernter. Leiser. Sie zog die Beine an. Verschloss den Flachmann. Steckte ihn in die Tasche zurück. Sie stand auf. Sie brauchte die Sprossenwand dazu. Ganz kurz ging das mit dem Gehen überhaupt nicht. Sie musste lachen. Sie stand da. Hielt sich mit der linken Hand an einer Sprosse fest und sah sich selbst baumelnd dastehen. Vollkommen unsicher an ihrer Hand baumelnd. Das war sehr lustig. […]«
Seiten 46-49

Textstellen 2 und 3
Themen: Sprachreflexion, Symptom von Stress, Spiel, die Welt zu hinterfragen, innere Ablenkung resp. Verdrängungsmechanismus

[…] Sie war immer nur in diesem Sitzungssaal oder im Büro am Computer. Sie war nie nach hinten gekommen in diesen Barackenwirrwarr, und Gregory fragte sie immer nur nach den Handbüchern aus. Die Litanei vorhin war ja auch aus dem Handbuch. Es war das Konzerncredo über die Arbeit in nichtverbündeten Staaten. Sie hatte das Credo aufgesagt. Aber es ging um den Zeitpunkt. Man musste so ein Credo setzen. Man musste den genau richtigen Zeitpunkt finden. Erwischen, dachte sie. To catch the moment. Aber erwischen war netter. Ein schönes Wort. Erwischen. Sie fühlte sich mit langen Schritten durch die Luft eilen und nach etwas greifen und es dann erwischen. […]
Seite 41

[…] Auf dem Gang. Cindy saß nicht mehr da. Sie war allein. Sie ging zum Lift. Geschlossene Türen. Schilder, dass der Eintritt nur Befugten erlaubt war. Einen Augenblick stellte sie sich vor, wie das mit den Befugten sein konnte. Wie so ein Arzt in Weiß mit Fugen versehen werden konnte und dann befugt war. Sie schüttelte den Kopf. Das war der Stress. Bei Stress geriet sie in solche Wörtlichkeiten. Eine von diesen überflüssigen Begabungen. Sie lachte wenigstens nicht mehr laut. Sie blieb allein im Lift. Sie konnte sich in Ruhe befugte Personen vorstellen. Es war dann wohl eine Stilentscheidung, welche Art von Fugen diese Personen wählten. Oder erwarb man da die Befugung und musste nehmen, was da kam. Dehnungsfugen. Dichtungsfugen. Anschlussfugen. Sanitärfugen. Glasfugen. Der Onkel Schottola hätte für alles die richtige Technik gewusst. Sie wären zum ÖBAU Fetter in der Horner Straße gefahren und hätten lange Gespräche über Fugen geführt und ob man sie betonen sollte oder ob man sie zum Verschwinden brachte und man sie nicht sehen musste. […]
Seiten 310f.

Textstelle 4
Themen: Einschüchterung, schichtspezifische Verhaltensregeln, Gesprächsstrategie, Selbstbeobachtung, Gesprächsanalyse

[…] Gregory nahm sich ein Stück Baguette und Butter. Also, begann er. Er machte eine lange Pause. Dann hob er den Kopf. Er hätte erwartet, von ihr zu hören. Berichte zu bekommen. Sie sah ihn fragend an. Er wandte sich wieder dem Baguette zu. Ja. es wäre schon ihre Aufgabe gewesen, ihn informiert zu halten. Dazu müsste sie doch in der Lage sein. Präzise Berichte. Das wäre schon die Grundlage einer Zusammenarbeit. Sie wäre doch nicht nach Nottingham geschickt worden wegen ihres netten Wesens. Und er verstünde ja nicht, warum er sie verhören müsse, damit er etwas über die Arbeit da erfahren würde. Sie holte tief Luft. Was hatte sie schon wieder nicht begriffen. Es war klar, dass er etwas erwartete. Sie wusste nicht, was. Der Kurs in Nottingham. Das war doch, weil diese Fusion den Austausch ermöglichte. Das war ja auch einer der Synergieeffekte gewesen. Die Internationalität. Sie lächelte weiter. Sie bemühte sich, das Lächeln auf ihn zu richten. Die Augen in das Lächeln einzubeziehen. Nichts sagen. Lächeln. Die Pause aushalten. Ihn zum Reden bringen. Er musste Fragen stellen. Sie musste die süße kleine Amy sein und er der Ersatzpapi. Sie sollte sich an die Decke denken und von dort das Gespräch einschätzen. Oder das Verhör. Sie hatte im Kurs für Kommunikationstechnik sich vorstellen müssen, während der Kommunikation eine Fliege zu sein, die das Gespräch umkreisend sich Gedanken machte. Sie hatte dann beschlossen, sich nicht an die decke zu denken. Sie hatte schon Probleme, wenn sie sich beim Stretchen vorstellen sollte, dass an irgendeinem Körperteil ein Strang ziehe oder der Kopf von einem Magneten an die Decke gezogen würde. Die Vorstellung, sich und Gregory nun von oben zu beobachten. Dann musste sie laut lachen. Sie würde Gregory da oben ja antreffen. Gregory hatte dieselben Kurse gemacht. Gregory hatte die Kursprogramme mitgeschrieben. Gregory hatte Erfahrung darin. Gregory hatte sich sicherlich schon in den seltsamsten Umständen und Räumen an die Decke gedacht und die Situation von oben beobachtet. Beurteilt. Eingeschätzt. Ihr wurde übel. Sie saß strahlend lächelnd da. Erwartungsvoll lächelnd. Auffordernd. Vom Oberbauch eine Übelkeit bis in die Fingerspitzen ausstrahlend. Ein Elend innen. Was habe dieser Aufenthalt in Nottingham nun gebracht, fragte er. Für sie. Gregory steckte das gebutterte Baguettestück in den Mund. Was habe ihr denn Spaß gemacht. Von den Kursen da. Von den Erfahrungen. Sie nahm einen Schluck vom Mineralwasser. Was er meine. Was er genau wissen wolle. Das wäre eine sehr allgemeine Frage. Sie trank wieder vom Wasser. Die Übelkeit zu verbergen. Sie konnte die e-mail vor sich sehen. Gregory wusste doch alles. Gregory war doch informiert. […]
310f.


Textstelle 5
Themen: Wettbewerbs- und Körperfetischismus, Empathielosigkeit

»Henry kämpfte. Die anderen waren wieder zurückgetreten. Sie schauten auf ihn hinunter. Schrien die Zahlen. Aufmunternd. Henry wollte etwas sagen. Die anderen wurden wieder lauter. Brüllten die Zahlen. Henry schien zu zögern. Wieder rückten alle nah an ihn heran. Beugten sich über ihn. Sie zischten die Zahlen. Beschwörend. Eindringlich. Henry nickte. Klappte in die Höhe. Fiel zurück. Fing sich selbst auf und brachte sich wieder in die Höhe. Sein Gesicht war verzerrt. Rot. Seine Haut rotfleckig. Rau. Seine Haut war nicht mehr glatt. Die Frau mit der Stoppuhr schrie nur noch ›Come on‹. Die anderen zählten weiter. Sie hatten sich hingehockt. Sie skandierten die Zahlen. Schoben mit ihren Oberkörpern die Zahlen über den Mann hin. Beschworen die nächste Bewegung.« (291)

»Sie waren allein. Sie setzte sich auf den Boden. Schaute den Mann an. Dann bewegte Henry sich wieder. Er hob den Kopf von der Brust weg. Sie fragte ihn wieder. Laut. Was er benötige. […] Ob sie etwas tun könne. Henry? Er schaute sie an. Lange. Er schloss die Augen. Schaute sie wieder an. Sie begann ihn anzulächeln. Der Mann sah sie erstaunt an und begann, sich zu erinnern. Er schaute schnell weg. Aber sie hatte es gesehen. Den Wunsch, im Erdboden zu versinken. Die Scham. Die Erniedrigung. Sie wollte gerade anfangen zu sagen, dass er doch betrogen worden wäre. […] Die Regeln nicht eingehalten. Plötzlich hatte sie aber deutsch gedacht und musste erst im Kopf übersetzen. Da flüsterte der Mann ›fuck off‹. Sie beugte sich vor, das genau zu verstehen. Der Mann sagte nichts mehr. Er hatte die Augen geschlossen. Sie stand auf und ging.« (293f.)


Kommentar:
Diese beiden Zitate aus einer längeren Szene illustrieren m.E., wie Streeruwitz ihre ideologiekritische Haltung in Literatur übersetzt: Im Nottinghamer Mutterlager will ein durchtrainierter Mann einer jungen Frau von auswärts imponieren und stellt sich einem Leistungsschaukampf gegen die Zeit: Rumpfbeugen vor versammelter Runde. Sein Körper – Fetisch und Maschine. Am Ende liegt der eitle, geschundene Athlet verlassen und erschöpft am Boden. Alle sind gegangen, angeblich habe er gegen die Regeln der Wette verstoßen. Selber schuld. Amalia, die sich selbst im Vergleich zu den anderen als dysfunktional und nicht zugehörig empfindet und schon geraume Zeit Kurs um Kurs auslässt, um sich zurückzuziehen, kann ihn da nicht alleine liegen sehen.

Diese über mehrere Seiten ausgedehnte Szene markiert eine Epiphanie und einen Wendepunkt in Amalias Wahrnehmung von sich und dem Umfeld, in dem sie sich bewegt. Als Einzelkämpferin empfindet sie sich zwar auch, aber empathielos ist sie nicht, wie ihr hier und an anderer Stelle bewusst wird. Das testosterongeladene Spiel mit dem Ernstfall, das ständige Tun-als-ob als notwendige Vorbereitung auf den Einsatz erlebt sie zunehmend als so lächerlicher wie bedrohlicher »mindfuck« (282). Wer sich unter solchen Menschen nicht souverän zu bewegen vermag, durch eine antrainierte Abgestumpftheit oder Abgeklärtheit, muss sich wie sie fürchten und verloren fühlen.



Rechte: 
Abdruck der Textauszüge auf meinem Blog 
mit freundlicher Genehmigung der Fischerverlage.


Angaben:

Marlene Streeruwitz: Die Schmerzmacherin. 

S. Fischer Verlag. Frankfurt 2011. 400 Seiten.


Mittwoch, 17. Juli 2013

Marlene Streeruwitz: Die Schmerzmacherin (2011)




Eine Welt zum Fürchten

Vorneweg sollte ein Missverständnis aus dem Weg geräumt werden: Die Protagonistin Amalia Schreiber ist zwar die Angestellte einer Firma, die unter anderem in der Antiterrorbekämpfung involviert ist; auch ist zu Beginn die Rede von einem Einsatz in Afghanistan und es gibt einzwei Verhörszenen. Dennoch ist Die Schmerzmacherin ganz bestimmt kein literarischer Politthriller, wie einen manche Rezensionen vermuten lassen. Nix da Tom Clancy goes Anspruch oder John le Carré meets artistischer Sprachwitz und weibliches Schreiben. Es ist 100% Marlene Streeruwitz, und wer ihr Werk ein wenig kennt, darf vermuten: hier wird kein Plot abgewickelt, vielmehr geht es um Psychologie und Existenznot. Konkret: Es geht um die verlorene Seele einer jungen Frau, die um ihre Identität und Integrität kämpft und es dabei auch mit ihren eigenen Dämonen zu tun bekommt. Und dann untermalt punktuell angeschnittenes aktuelles Geschehen im Hintergrund diese unsichere, bedrohte Stimmung, aber eher wie ein leisegestellter Fernseher. Wobei das Unglück von Fukushima vorkommt, nicht etwa Guantanamo, wie man aufgrund des Kontextes vermuten könnte.

***

Was den Handlungszusammenhang der 400 Seiten und die Hauptfigur betrifft, verlangt einem der Roman einiges ab. Das stellt einen Anreiz dar, erfordert aber eine genaue Lektüre, sonst droht einem die tiefere Bedeutung so mancher Details und Episoden zu entgehen. Die dreizehn Kapitel – nach Monatsnamen benannt – decken etwa ein Jahr ab. Sie bilden eine lose Folge voneinander zunächst unabhängig scheinender Situationen und handeln hauptsächlich im deutsch-tschechischen Grenzgebiet, in England und in Wien.

Amalia, die Perspektivfigur, durch deren Wahrnehmung man alles erfährt, bleibt einem bis zuletzt etwas fremd. So fremd, wie sie selbst sich und die Ereignisse zu empfinden scheint. Die Orientierungslosigkeit Amalias wird durch die Verweigerung einer klaren Storyline fast spürbar auf den Leser übertragen. Einige Ereignisse von großer Tragweite erfährt man – wie Amalia selbst – nur bruchstückhaft und in ihrer bedrohlichen Konsequenz.

25 Jahre alt, großgewachsen und attraktiv, abgeschlossenes BWL-Studium, steckt sie in einer schweren Identitätskrise. Dass etwas nicht stimmt, lässt bereits die Eingangsszene erahnen, eine betrunkene Autofahrt durch ein verschneites Niemandsland auf dem Weg zur Arbeit. »Noch nie waren so viele Raubvögel zu sehen gewesen«, lautet der erste Satz. Anlass für die Krise ist vordergründig ihre Tätigkeit bei der Allsecura, einer britischen Sicherheitsfirma, die unter anderem im Antiterrorkampf tätig ist. Die Anstellung verdankt sie der Vermittlung ihrer Londoner Großtante Marina und ihrem Aussehen, das ihrem Chef Eindruck macht. Jedenfalls protegiert sie Gregory gegen den Willen der anderen Mitarbeiter, allerdings ohne klar formulierte Erwartungen an sie, wie sie irritiert registriert. 
»Was wollte der überhaupt mit ihr. Für den spielte sie eine Rolle, aber sie wusste nicht, welche.« (20)
Sie hat kaum Einblick in die Aufgaben und Strukturen der Firma und bewegt sich derart orientierungslos durch die Räume und Hallen des Außenlagers im tschechisch-deutschen Grenzgebiet, dass man sie früh als das Opfer in einem Katz-und-Maus-Spiel wähnt. Dieser Eindruck wird durch ihre wesenseigene Fahrigkeit verstärkt, die sie mit anderen Frauen aus dem Streeruwitzschem Figurenarsenal gemein hat, und durch ihre psychische Labilität. Deren Wurzeln liegen zu einem guten Teil in ihrer belastenden Herkunft und Vorgeschichte. Ihre Mutter gab sie gleich nach der Geburt weg, weil sie mit sich, ihrer Heroinsucht und ihrer Kunst beschäftigt war. Nach neueren Gerüchten scheint sie wieder eine Familie gegründet zu haben und aus Amsterdam zurück nach Wien gezogen zu sein, wo Amalia bei Pflegeeltern großgeworden ist. Das bleibt zwar bis zuletzt unbestätigt, lässt sie aber natürlich nicht kalt. Zum Gefühl der Verlassenheit gesellt sich das des Verrats. Was den Vater betrifft – Väter sind in ihrer Familie schon traditionell namenlose Erzeuger, die die Flucht ergriffen haben.

***

Akut beschäftigt sie der Umstand, dass dieselbe Großtante, die ihr den Job bei der Allsecura ursprünglich vermittelt hat, es auf ihren Anteil des Familienerbes abgesehen hat. Zufall? Will Marina sie loswerden? Immerhin ist gerade ein Kollege den Taliban in die Hände gefallen – mit ungewissem Schicksal. Bedrohung gehört also zum Berufsrisiko – und man versteht jedenfalls, dass Amalia unter solchen Umständen schon mal in besondere psychische Zustände geraten kann.

Hinzu kommt ihr häufiger Griff zur Flasche. Die innere Stimme, die ihr sagt, dass gerade etwas grundsätzlich falsch läuft in ihrem Leben, betäubt sie gerne und ausführlich mit Alkohol. Welche Form der Entspannung ihr das vermittelt, wird auffällig oft ausformuliert: 
»Eine bleierne Freundlichkeit breitete sich aus. In ihr. Vom Magen weg füllt sich der Leib, und die Ungenauigkeit stieg in den Kopf und hinter die Stirn und hinter die Kehle und legte sich dann über sie.« (8)»Kühl füllte der Wein den Mund aus. Einen Augenblick nur der gefüllte Mund. Der Mund vollgestopft mit Geschmack.« (327)
Doch die Mischung aus Verunsicherung, Labilität und Alkohol führen bei ihr auch zu unkontrollierbaren Zuständen. Ein erster Höhepunkt (nach dem schönen Anfang) bildet eine großartige Szene in einer Turnhalle, in welcher der ohrenbetäubende Lärm eines Helikopters alles erzittern lässt und Amalia auf gespenstische Weise erotisiert. Eine Szene mit dionysischen Charakter, in dem sich Todesangst und sexuelle Lust in einem literarischen Rausch verbinden.

***

Zu einem späteren Zeitpunkt, wie aus dem Nichts heraus, vergleicht sie sich mit einem Kind aus einer TV-Doku, mit einem Schicksal, das so gar nichts mit ihrem gemein zu haben scheint:
»Und wie sie im kleinen Gemeinschaftsraum sitzend. Am Rand von Nottingham. Ferngesehen. Wie dieses kleine Mädchen in der Nähe von Tschernobyl. Wie das auf die Kinderschwester in dem Kinderheim zulief und es erst beim Hochheben zu sehen war. Das kleine Mädchen hatte keine Beine. Die Füße waren an den Hüften angewachsen. Es waren Flossen. Entenbeinchen. […] Und alle hatten gelacht. Im kleinen Gemeinschaftsraum mit dem Fernsehapparat. Alle, die mit ihr dagesessen. Die hatten gelacht. Wie sollte sie ihrer alten Großtante Marina erklären, dass sie dieses Mädchen war.« (333)
Es ist einerseits dieses Prekäre, was die Figur interessant macht, und andererseits der Umstand, dass man trotz aller Informationen über ihr Innenleben kein rundes Bild von ihr gewinnt. »›Ich habe Angst und weiß nicht, wovor und warum‹« (248) schreibt sie ihrer Pflegemutter aus dem Surfurlaub, um den Satz gleich wieder zu löschen. Nach mehreren längeren Versuchen heißt es dann: »›[I]ch bin hier gut aufgehoben, und es beginnt, mir besserzugehen. Love you, Mali.‹« (252) Das ist natürlich gelogen. Aber wem soll sie sich zumuten? Wem will man überhaupt die eigenen Abgründe zumuten? Meistens nicht mal sich selbst, geschweige denn der krebskranken Pflegemutter.

***

Ihr einziger emotionaler Rückhalt, abgesehen von den Wiener Pflegeltern, ist Gino. Gino ist ein Gigolo, der eigentlich Ingo heißt, aber kein Ingo sein will. Er schleppt in dem schlüpfrigen Hotel, in dem sie wohnen, Frauen gegen Geld ab. Mit seiner leichtlebigen Art und Weise, das Leben zu betrachten, ist er für die von Angstschüben gequälte Amalia Bruder und wärmender Ofen in Personalunion. Wahrscheinlich gerade, weil Sex zwischen ihnen keine Rolle spielt.

Ginos Schicksal ist es, sich eines Abends mit Cindy einzulassen, derjenigen Frau, die sich mit Gregory über die Anstellung von Amalia uneinig ist. Etwas früher am selben Abend hatte Amalia im Alkoholdelirium Bruchstücke eines Gesprächs zwischen Cindy und Gregory mitbekommen, in dem das Wort ›overdose‹ fällt. In der darauffolgenden Nacht erlebt Amalia etwas, woran sie sich zwar später nicht erinnern kann, was sie aber mit Kleists Marquise von O… verbindet. Genau das. Das Unerhörte.

Einige Wochen danach erleidet sie eine Fehlgeburt. Was ist in dieser Nacht in dem bayrischen Hotel passiert? Und wie hängt das damit zusammen, dass sie tags darauf einen schwerverletzten Gino und eine ramponierte Cindy im Kreiskrankenhaus antraf? So scheinen sich die Dinge nach gut hundert Seiten zuzuspitzen, und wäre Die Schmerzmacherin ein Thriller und kein Roman von Streeruwitz, ginge es darum, Licht in diese undurchsichtigen Ereignisse und ihre Zusammenhänge zu bringen. Doch darum geht es nicht.

***

Es geht um Amalia und ihre Verlorenheit in einer Welt voll politischer, wirtschaftlicher und zwischenmenschlicher Unsicherheiten: 
»Sie wollte eine einzige Linie haben. In ihrem Leben. Sie wollte einen einzigen Weg gehen. Aber sie wusste nichts mehr. Nicht, wie man leben sollte. Nicht, wie sie leben sollte. Das Leben in die Hand nehmen.« (281)
Dass Amalia bei der Allsecura gelandet ist, scheint bei ihrer psychischen Disposition gar nicht so zufällig, sondern könnte als unbewusster Versuch zur Selbsttherapie verstanden werden. Da ist zum einen die Möglichkeit zur Verdrängung in Kombination mit der Möglichkeit, die Welt zu retten, weil man sich selbst nicht retten kann:
»Sie hatte diese Allmachtsphantasien, damit sie nicht zur Kenntnis nehmen musste. Sie glaubte nicht an die Gerichte, die diese Männer herschickten. Sie glaubte an eine Unschuld, die sie selbst noch nie erlebt hatte. Sie hatte Allmachtsphantasien, damit sie nicht zugeben musste, wie man an ihr gehandelt hatte. Sie sollte sich hassen dafür. […] Für diese Dummheit. Sie hatte Angst, alles zu verlieren. Sie hatte Angst davor, hart zu werden. Sie sollte sich das zugeben.« (267)
Zum anderen bietet die Ausbildung eine Form der Abhärtung, nach innen wie nach außen. Körperlicher Drill und drastische Übungen in Verhörmethodik stehen auf dem Programm. Machtbewusstsein, Kontrolle der eigenen Gefühle und Steuerung des Gegenübers werden geschult, bis es weh tut. Jeder für sich, unabhängig von den anderen. Drei Monate – länger soll kein Team zusammenarbeiten, so Gregorys Dogma, sonst drohen Bindungen mit potenziell kontraproduktiven Folgen für die Zielvorgaben: 
»Attachment. Das war anstrengend Das wurde immer anstrengender Das war Schwerarbeit. Das kostete alle Kraft.« (353)
So züchtet man autarke Einzelkämpfer mit eingebauter Empathielosigkeit heran, wie Amalia mit zunehmendem Befremden feststellt, vor allem nachdem die Allsecura etwa in der Mitte des Romans von einer amerikanischen Firma übernommen worden ist und der Corpsgeist sich notwendig den ›US marine standards‹ angepasst hat.

Das Politische an Die Schmerzmacherin scheint mir vor allem in der Darstellung dieser Welt der Sicherheitsdienste zu liegen. Es ist Welt der sozialen Kälte, in der sich diese Menschen für den Ernstfall stählen.

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Ein Fazit: Streeruwitz beweist in diesem Roman einmal mehr ihre Meisterschaft darin, innerpsychische Zustände der Verlorenheit des einzelnen zu vermitteln, wobei sie die Tragik dieser Gefühlsgrundlage durchaus durch distanzierende Stilmittel wie Humor und Ironie zu brechen weiß. Ihre Hauptfigur und deren labyrinthisches Innenleben bieten viel Stoff und der Roman bietet einige sehr schöne Szenen, wegen derer allein sich die Lektüre bereits lohnt. Und eines hat der Roman mit so manchen Thrillern gemeinsam: Man weiß bis zuletzt nicht, wohin er einen führt.


Angaben:
Marlene Streeruwitz: Die Schmerzmacherin. 400 Seiten. Frankfurt am Main. Fischer 2011.