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Montag, 5. August 2013

Textauszüge zu Nellja Veremej: Berlin liegt im Osten (2013)


Bildquelle


zur Rezension geht es hier

Textauszug 1
Themen: Quartiervergleich im Berliner Osten;
Freiheit und Marktwirtschaft; Gentrifizierung
Ich gehe in die Linienstraße hinein. Eng und ruhig, ahmt sie den Verlauf der lauten Torstraße nach. Die im Krieg entstandenen Lücken sind sorgfältig mit DDR-Plattenbauten gefüllt, die einst begehrt waren und heute verachtet sind. In den verstaubten Waben leben heute jene Berliner, die mit ihrer Stadt nicht mehr Schritt halten können, da ihre Füße immer noch in der Vergangenheit hängen. Die Männer tragen je nach Saison ein weißes Unterhemd oder eine Pelzmütze, die Frauen ärmellose Arbeitskittel aus einem synthetischen Stoff, ätzend blau mit kleinen roten Blümchen. Sie sitzen tagelang auf ihren Balkons zwischen Geranien und Zwergen und rauchen. Dann nehmen sie ihre geräderten Taschen und laufen zu Aldi die unendliche Torstraße entlang. Sie haben viel Zeit und bleiben öfter vor den geschmückten Schaufenstern stehen, so wie auch ich: Latexwäsche, Sexspielzeuge, tätowierte Waden, gepiercte Brustwarzen, Proteinnahrung in Bottichen, Nail Studios … Was machen wir mit unserem Wohlstand und unserer Freiheit?
Nördlich der Torstraße aber liegt ein Land, wo alles stimmt: Prenzlauer Berg. Die Spitze des Berges bewohnen die anmutigen Menschen, die aus ihrem Wohlstand und ihrer Freiheit ein erstklassiges Glück melken. Sie brauchen sich nicht die Nabel und Brustwarzen zu durchbohren, um sich zu behaupten. Sie bremsen ihre geräuschlosen Porsches vor Fußgängern und Fahrradfahrern und gefallen sich dabei sehr. Sie kaufen in Bioläden ein und haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie wieder mal vor dem tristen Winter nach Teneriffa fliehen. Laut Legende schreien sie sich gegenseitig nie an und siezen ihre Putzfrauen und Babysitterinnen. 
Zweiter Teil, Kapitel 3

Textauszug 2
Thema: Vorstellungen vom Westen
Die Lebensweise der Europäer war uns weniger vertraut als die der Marsbewohner, über deren Sitten uns sowjetische Unterhaltungsbücher bestens informierten. Wir sehnten uns nach dem unfassbaren Westen und waren sehr neugierig darauf. In Russland repräsentierten die Deutschen das wahre Abendland, sie waren unsere eigenen Fremden. Die anderen Europäer waren uns zu abstrakt. Die Deutschen aber schienen zum Greifen nah zu sein und auch so anders als wir: fleißig, nüchtern, sachlich, wie Herr Seitz.
Zweiter Teil, Kapitel 2


Textauszug 3
Thema: Verhältnis zur eigenen Vergangenheit im Sozialismus
Wir beide haben einen Großteil unseres Lebens unter roten Fahnen verbracht, unsere Sensoren und Antennen bleiben wohl für immer nach links gekippt, selbst wenn wir uns ehrlich bemühen, sie aufrecht und in der Mitte zu halten. Wir sind halt Ossis, und wie viele andere Ossis auch müssen wir uns mit der schizophrenen Zwiespältigkeit der Erinnerung tragen: Der Verstand weiß Bescheid, die Seele aber zweifelt und will nicht glauben, dass all die Erfahrungen der untergegangenen Zivilisation nutzlos und lächerlich waren. Wir vermissen nicht das damalige Leben, sondern den Zeitgeist, mit dem man Adam Smith, den Wohlstand und den Komfort verachtete und auf eine vage und helle Zukunft schwor. Wir selbst spotten gerne über diesen naiven Glauben oder über die Realien des sozialistischen Lebens, ärgern uns aber, wenn die Leute aus dem Westen das tun. Für sie war das Leben hinter dem eisernen Vorhang entweder verbrecherisch, miserabel oder anekdotisch ulkig. Für uns ist es im Rückblick auch so, aber es war unser Leben, und nicht ihres.
Erster Teil, Kapitel 5


Textauszüge 4 und 5

Thema: Integration, Unterschiede zwischen den Generationen
In meinem siebzehnten Lebensjahr fühlte ich mich meiner Mutter endgültig und verzweifelt überlegen. Meine Tochter hatte dieses Gefühl schon als Grundschulkind, wie es in vielen Migrantenfamilien der Fall ist, wo die Eltern in der Kommunikation mit der Umwelt oft auf die Hilfe ihrer Kinder angewiesen sind: Liebe Frau Flügel, meine Tochter Marina hat heute Termin bei einem Arzt um 12 Uhr. – Einen Termin, den Termin?, quälte ich mich über dem Papierblatt, während die kleine Marina neben mir stand und ihre Augen gen Himmel rollte: Einen Termin! Und hier schreibst du bitte etwa so: Sie wird um 11 Uhr abgeholt und ich bitte dies zu entschuldigen. Und Datum. Sie riss mir das Blatt aus der Hand, las es und schob es mir unter die Nase: Abgeholt – zusammengeschrieben!
Gehorsam zog ich eine dünne wackelige Brücke zwischen Ab und geholt. Gut gemacht!, sagte sie und streichelte meine Schulter. Sie war meinen Schwächen gegenüber immer nachsichtig, unsere Beziehung kollidierte schon damals mit dem üblichen gesellschaftlichen Axiom Eltern haften für ihre Kinder.
Erster Teil, Kapitel 6


Es gab Zeiten in meinem Berliner Leben, wo ich die Russen mied. Am Anfang nimmt sich jeder Ausgewanderte vor, so schnell wie möglich deutsch zu werden, zu wirken, zu ticken. Ein mit tückischen Stolpersteinen übersäter Weg: Der deutsche Humor ist unverständlich, die deutschen Heringe sind ungenießbar und die hiesigen Sitten und Feste undurchschaubar. Wer sind die Heiligen Drei Könige und was ist eine Himmelfahrt? Wer auf der Welt soll all die bemalten Herzen vertilgen? Was bedeutet Advent und was hat er mit Shopping zu tun? Natürlich gibt es sehr viele Russen, die diese Hürden genommen haben und in beiden Sprachen feiern, scherzen und fluchen können. Noch mehr aber haben es aufgegeben. Zu Weihnachten fliegen sie nach Mallorca, und den festlichen Tisch decken sie dann zu Silvester. Zum Frauentag und am 9. Mai versammeln sie sich zum Picknick im Treptow-Park, nicht weit von der Sowjetischen Siegessäule.
Das, was ich früher als aufgeklärter Mensch westlicher Prägung mied, bringt mir neuerdings viel unerwartete Freude: die alkoholhaltigen Cocktails, deren Farben an die Versuche eines wahnsinnigen Alchemisten erinnern; nahrhafte, von Mayonnaise überflutete Salate; die polyphonen Gespräche, wo keiner dem anderen zuhört. In seiner Rede unterbrochen, folgt man nicht dem Gedanken seines Gegenübers, sondern lauert auf eine Gelegenheit, seine Partie fortsetzen zu können.
Wir essen Salami auf Brot und reden über Trennkost. Wir lästern über allgegenwärtige deutsche Geschmacksverstärker, das verworrene deutsche Schulsystem, zickige deutsche Nachbarn, saure deutsche Heringe, aber da, wo die Heringe salzig sind und Halwa süß ist, wollen wir eigentlich nicht hin. Haben wir dafür Tausende Kilometer zurückgelegt? Um vor uns hinräuspernd in der Küche zu sitzen und von verlassenen und vergangenen Orten zu schwärmen? Unsere lichten Träume haben wir auf den Schultern  unserer Kinder abgelegt, und mit uns kann es nur bergab gehen, langsam, aber unaufhaltsam. Und wir haben nichts, was diesen Abstieg aufhalten könnte: Die Krallen sind abgeschabt, die welken Flügelansätze baumeln hinter den Schultern, ulkig klein bei dem immer schwerer werdenden Körper. Den Schwimmkurs schiebe ich immer noch vor mir her, bis Marina, von meiner Trägheit genervt, für mich einen Termin zum Einzelunterricht in einem Bad ausmacht.
Fünfter Teil, Kapitel 2



Textauszug 6
Thema: Albtraum (die Protagonistin ist Nichtschwimmerin)
Ich stehe auf, um mir warme Socken zu holen, und meine Füße treten ins kalte Wasser, das mir schon bis zu den Knöcheln reicht. Die Wasseroberfläche reflektiert das hektische Wimmeln am Bildschirm und schimmert rot. Im Korridor steht das rote Wasser Kubik schon bis zu den Nasenlöchern, ich packe ihn unter den Beinen. Der Hof ist auch überflutet, die Straße wird zu einem Fluss. Ich krieche das steile Ufer hoch, schaue zurück und sehe die ganze Stadt auf viele Meter hohen Wellen schweben, brennende, entwurzelte Häuser färben die Fluten rot. Die schwarze Erde bröselt unter meinen Füßen ab, wird langsam zu Schlamm, der meine Füße einsaugt. Ich will nach Hause, zum Alexanderplatz, kann aber nicht mehr laufen, ich bin zu müde. Ich lasse Kubik los, der verzweifelte Hund planscht im schwarzen Wasser und kratzt an meinen Waden. Als wir dann abstürzen, bin ich, vor Angst und Schreck erschöpft, fast erleichtert.
Vierter Teil, Kapitel 5


Textauszug 7
Thema: Beziehung zwischen Lena und Herrn Seitz
Unsere Zweisamkeit lässt sich schwer einordnen, unsere Freundschaft hat vage Konturen, wie aufeinandergestapelte Dias: Samariterin und Verwundeter, Vater und Tochter, Deutscher und Russin, Siegerin und Besiegter – zwischen uns liegen Welten, Jahrzehnte, Flüsse, Gräber, Meilen, und die Seilbrücke über diesen Abgrund ist gespannt wie eine Saite, die seltsame und nur für uns wahrnehmbare Töne hervorbringt.
Dritter Teil, Kapitel 4

Textauszug 8
Themen: Ankunft im Gelobten Land, Hoffnungen, Pläne, Träume
Wir landeten in Spandau, am Rande von Berlin, in einem Asyl, wo wir zwei Zimmer in einer kommunalen Wohnung zugewiesen bekommen hatten. Die Bewohner der anderen Zimmer, mit denen wir die Küche und das Bad teilten, wechselten andauernd. Es waren ausschließlich sehr laute Südländer, goldhäutige Menschen mit beringten Händen, deren Nachbarschaft uns lästig und peinlich war. Wir hielten uns für viel westlicher als sie, daher fühlten wir uns ihnen überlegen und waren eifersüchtig auf unsere neue Heimat, die in Beziehungsdingen so anspruchslos war. Wir mieden auch die anderen Asylanten, selbst unsere Landsleute, als ob wir uns der Häutung vor ihren Augen schämten.
Bei jeder Gelegenheit fuhren wir in die Stadt, weg aus dem Heim, in die bunt geschminkte Welt, wo in den Hauseingängen unterwürfige Lichter schimmern, wo die Haustreppen wie mit duftenden Shampoos gewaschen scheinen, wo sich alle lieben und respektieren, wo gepflegte Kinder unter liebevollen Blicken der smarten Eltern an wunderschönen Legowelten basteln, während Omas mit hölzernen Löffeln leckere Gerichte zaubern. Merkwürdig, aber wahr: Es war das beste Jahr in unserem gemeinsamen Leben.
Von den freudigen Erwartungen wie Luftballons aufgeblasen, schwebten wir hoch im Wagen der grünen U1. Wir schauten auf die Stadt, die uns zu Füßen lag, und weideten unsere Seelen an den schönen, sich abwechselnden Traumbildern: Marina mit einem schicken rosa Tornister in einer gemütlichen deutschen Schule, Schura vor einer Staffelei oder gar in einem Studio, ich als Übersetzerin, nein, als Journalistin – so eine strenge, mit einem Kugelschreiber in der Hand und mit einer dicken Brille. Oder wir sahen uns als ein Unternehmerpaar: Kein Restaurant und keinen Imbiss, wie sie die banalen Migranten sonst haben, nein, wir würden ein Kino aufmachen, ein Kunstkino mit einem schönen Buffet, gemütlich, mit Plüschbänken und Sesseln, wo sich das erlesene Publikum mit Getränken in der Hand nach dem Film Salon-Debatten liefert. Ich war fest davon überzeugt, dass wir einer wundersamen Wiedergeburt nahe wären.
Dritter Teil, Kapitel 4


Rechte: 
Abdruck der Textauszüge auf meinem Blog 
mit freundlicher Genehmigung des Verlags Jung und Jung.


Angaben:
Nellja Veremej: Berlin liegt im Osten. 
Jung und Jung, Berlin 2013. 336 Seiten.


Donnerstag, 25. Juli 2013

Nellja Veremej: Berlin liegt im Osten (2013)



Längere Textauszüge befinden sich hier

Osten forever


Endlich. Endlich mal wieder ein richtig guter Berlin-Roman. Ein Roman reich an Geschichten und Gefühl, mit ganz viel Osten drin, voller Wehmut, voller Liebe, voller Abschied, Aufbruch und Hoffnung, voller Scheitern. Schön, berührend, klug.
Das späte Debüt der 50-jährigen Russin birgt Stoff aus mehreren Gattungen: Immigrantenroman, Generationenroman, Stadtroman, Entwicklungsroman, politischer Roman, sozialgeschichtlicher Roman. Und je länger er fortschreitet, desto mehr erzählt er auch die Geschichte einer Annäherung zweier Menschen, die sich erst kennenlernen, als der eine von beiden bereits ein ganzes Leben hinter sich hat.


From Russia with love und direkt in den Osten – Döblin läßt grüßen

Ein Großteil der Handlung kreist rund um den Alexanderplatz, dem zugigen Zentrum der ehemaligen DDR-Hauptstadt. Dort, wo in Berlin die verschiedenen Welten und Ideologien der letzten 100 Jahre am heftigsten kollidieren, wo West und Ost, bunt und grau, schrill und still aufeinanderknallen und in einer arrangierten Ehe koexistieren. Da wächst nicht zusammen, was nicht zusammengehört. »Zwei Hemisphären? Vielleicht.« (S. 9) Gleich daneben die ruhige Rosa-Luxemburg-Straße mit dem »grauen Tempel« (196) der wuchtigen Volksbühne, die »wie ein Panzerschiff ins Dunkel [ragt]« (246).  Und auf der anderen Seite, jenseits des Fernsehturms, die große brachliegende Fläche an der Spree, wo irgendwann wieder ein Schloss stehen soll, dessen Ruine vor bald 60 Jahren gesprengt wurde.

***

Und warum ausgerechnet der Alexanderplatz? Weil dort Lena wohnt.

Lena ist 43, Altenpflegerin und steckt gerade in einer Krise. Das ist nicht das Leben, das sie sich in ihrer Jugend vorgestellt hatte, als sie sich in Südrussland und später in Leningrad eine Zukunft im Westen ausmalte. Alle träumten vom Westen, jedenfalls alle ihrer Generation. Im Westen schien alles möglich, was im Kommunismus undenkbar war. Also nichts wie hin. Die Perestroika und der Mauerfall kamen zur rechten Zeit, die Abnabelung von der Elterngeneration fiel nicht schwer. Im Grunde hatte man immer im Gefühl gelebt, in einem anachronistischen Land zu leben und ärgerte sich über die Großmutter, die einen mit ihrem dauernden Kopftuch ständig vor Augen führte, wie nah man doch an Asien war – und wie weit entfernt vom Paradies. 
»Da waren die Männer großzügig und stark, die Frauen feminin und graziös, wie Schmetterlinge. Während meine Oma mit ihrer plumpen, selbst genähten, flauschigen Flanellwäsche eher einer Raupe ähnelte.« (S. 76)

Asien galt es auf Abstand zu halten – das begann im Kopf irgendwo in der Mongolei, aber doch nicht in Russland.

***

In ihrer Unruhe und wenn es ihr zu einsam wird, streunt Lena durch die Straßen rund um den Alex. 
»Ich setze die neue bunte Mütze auf und gehe raus, in die Stadt, die mir immer Zuflucht vor Kummer und Spleens bietet. Sie ist für mich das, was für die Romantiker Gebirge oder Wälder waren. Die Häuser sind meine Felsen, die Menschen eigenartige Bäume, die Straßen eigensinnige Flüsse.« (80f.)
Mit neugierigen Augen und mit soziologischem Interesse registriert sie jede Veränderung. Die Stadt lebt. Sie pulsiert und verändert sich im Schweinsgalopp, ganz wie zu Döblins Zeiten. An dessen großen Berlin-Roman finden sich gleich eine ganze Reihe von Referenzen. Eine ist das Haus am Alex, an dessen Fassade bis vor wenigen Jahren noch Auszüge des Romans zu lesen waren. Lena fällt ein, dass der Mann, der diese Idee dazu hatte, einst in dem Wohnzimmer ihrer Kindheit stand und von den Anwesenden verlacht wurde. Umso größer ihr Entsetzen darüber, dass diese schöne Idee eines Tages abmontiert wird. 
»Ich lasse den lauten und lichten Alexanderplatz zu meiner Linken und bleibe verwirrt an der großen Kreuzung stehen: Fast alle mannshohen Buchstaben sind von der Gebäudefassade abmontiert, plötzlich, über Nacht. Der Anfang des Döblin-Zitats ist weg, und das Ende auch. Nur eine Zeile hängt hilflos in der Mitte: igung von Damenkonfektion, Mehl und Mühlenfabrikate, Autogarage, Feuersozietät. Wiedersehen auf dem Alex … Da fällt mir ein, dass auch die tadschikische Teestube inzwischen nicht mehr da ist, dass der Laden von Larissa fast weggeräumt ist, dass die Plattenbauten in der Linienstraße saniert und ihre Fassaden mit einem heiteren und zeitgemäßen Make-up versehen werden. Während ich den belanglosen, kupierten Text an dem Haus anstarre, kommt es mir vor, als würden die Wörter unaufhaltsam und immer weiter vor meinen Augen schwinden, als ob ich einem sachten Erdrutsch von der Gegenwart in die Vergangenheit beiwohnen würde. Aber schon an der nächsten Ecke, zu Beginn der Torstraße, wächst etwas nach – das Eckhaus, das neulich mit Gerüsten umhüllt war, ist als Soho Club neu geboren. An der Ecke schwärmen Taxis, vor dem Eingang kreiseln Menschen mit Sektgläsern.« (242 f.)

Hälfte des Lebens: gelandet, nicht angekommen
Anderthalb Jahrzehnte lebt Lena nun schon im Gelobten Land – und wird von ihrer 18-jährigen Tochter Marina bemitleidet: Die großen Träume sind Träume geblieben und mit 43 habe sie ja schon alles Aufregende hinter sich. Nicht mal schwimmen könne sie. Die kecke Tochter verbindet kaum noch etwas mit Russland, die Ikonen an ihren Zimmerwänden sind bloß Koketterie. Sie besucht das Gymnasium, träumt von einem Aufenthalt in den USA und betrachtet die Schwierigkeiten ihrer Eltern, Fuß zu fassen, schwankend zwischen Ungeduld und fast schon mütterlicher Nachsicht. Verkehrte Rollen, vermutlich kein Sonderfall bei Immigrantenfamilien.

Lenas Exmann Schura wirft ihr Resignation vor. Ob sie Englisch studiert habe, um alten Deutschen den Hintern zu putzen? Aus ihm spricht Verzweiflung über das eigene Los. Aus dem einst verwegenen Intellektuellen mit Visionen ist ein Franz Bieberkopf geworden, der seit ihrer Einreise notorisch an irgendeinem gaaanz großen Geschäft dran ist, das sich dann regelmäßig als Rohrkrepierer entpuppt. 


***


Lenas Immigrantinnenstolz darüber, dass die eigene Tochter Abitur macht – während der Sohn ihrer deutschen Chefin bei Netto an der Kasse sitzt –, kann die klaffende Lücke nicht schließen, die spätestens jetzt, da Marina flügge ist, offenbar wird. Sie leidet sozusagen an demselben Problem wie die Stadt, in der sie lebt: In ihrer Mitte ist eine Leere, da ist es zugig und unwirtlich.

Sie registriert an sich eine Art integrativen Regress. Als ob es bereits zu spät wäre für eine wirkliche Ankunft, zieht es sie immer mehr in das kleine Geschäft ihrer Freundin Larissa, ein Treffpunkt russischer Lebensart:
»Am Anfang nimmt sich jeder Ausgewanderte vor, so schnell wie möglich deutsch zu werden, zu wirken, zu ticken. Ein mit tückischen Stolpersteinen übersäter Weg: Der deutsche Humor ist unverständlich, die deutschen Heringe sind ungenießbar und die hiesigen Sitten und Feste undurchschaubar. […] Das, was ich früher als aufgeklärter Mensch westlicher Prägung mied, bringt mir neuerdings viel unerwartete Freude: die alkoholhaltigen Cocktails, deren Farben an die Versuche eines wahnsinnigen Alchemisten erinnern; nahrhafte, von Mayonnaise überflutete Salate; die polyphonen Gespräche, wo keiner dem anderen zuhört. In seiner Rede unterbrochen, folgt man nicht dem Gedanken seines Gegenübers, sondern lauert auf eine Gelegenheit, seine Partie fortsetzen zu können. « (235f.)
 Außerdem macht sie sich neuerdings Sorgen über ihre alte Mutter, zu der sie zum eigenen Erschrecken immer mehr Parallelen an sich entdeckt. Die Frage, der sie sich stellen muss, und die sich wohl manchen stellt, die im Spannungsbereich verschiedener Kulturen leben, lautet: Wie soll es weitergehen, wenn man hinter sich alle Brücken abgebrochen hat? Wie sah das Land jenseits der abgebrannten Brücken eigentlich aus und wieviel hat es mit meinem heutigen Ich zu tun? Die Anzeichen mehren sich, dass sich Lena mit ihrer Herkunft und ihren Lebenslügen auseinandersetzen muss. »›Den Schatten hab ich, der mir angeboren, Ich habe meinen Schatten nie verloren‹«, lautet eines der beiden Motti des Romans (es stammt aus Chamissos Schlemihl-Roman). Ein anderes, von Dante: »Auf halbem Weg des Menschenlebens fand ich mich in einen finsteren Wald verschlagen« (229).


Lena und Ulf
Das Zitat hat sie von Ulf Seitz einem ihr zugewiesener Pflegefall. Mit seinem Ordnungssinn ist der alteingesessene Berliner das fleischgewordene Klischee sämtlicher Russen von einem Deutschen. Das macht ihn Lena sofort sympathisch, außerdem steht in seiner Küche ein intakter ZIL MOSKWA, das gleiche Kühlschrankmodell, das sie in ihrer Kindheit hatten. Mystik des Gebrauchsgegenstände und ihre verbindende Kraft.
Und dann – fast zu passend, um wahr zu sein: Auf seinem Nachttisch liegt ein zerlesenes Exemplar von ›Berlin Alexanderplatz‹, aus dem er immer wieder liest, »weil der Papierziegel das Universum in sich birgt, in das auch der kleine Ulf dann hineingeboren werden wird.« (S. 40) Das mit dem Universum gilt umso mehr, als sein Vater Konrad Seitz in Döblins Roman selbst vorkommt, und zwar…
»[…] als jener Mann, der mitten auf dem Rosenthaler Platz mit zwei gelben Paketen von der Linie 41 abspringt: … eine leere Autodroschke rutscht noch grade an ihm vorbei, der Schupo sieht ihm nach, ein Straßenbahnkontrolleur taucht auf, Schupo und Kontrolleur geben sich die Hand: Der hat aber mal Schwein gehabt mit seine Pakete. Als Konrad Seitz das Buch las, erkannte er sich in der Figur wegen der zwei gelben Pakete wieder, mit denen er tatsächlich einmal von der 41 abgesprungen und beinahe unter eine Droschke geraten war. Der Vorfall hatte sich sieben Jahre vor Ulfs Geburt ereignet.« (S. 41)
Schon immer hörte Lena den alten Menschen, die sie beruflich betreut, gerne zu. Und es macht sie traurig, dass die Geschichten, die sie erzählen mit den Sterbenden verschwinden – und mit ihnen ganze Welten; wie sie überhaupt ein Herz und einen Blick für Menschen am Rande der Gesellschaft hat, für soziales Elend und das Prekariat, wovon es in Berlin mehr als genug gibt.


Im diesem Fall aber entwickelt sich aus einem Pflegeverhältnis trotz der 35 Jahre Altersunterschied eine genuine Freundschaft zwischen der nach Orientierung suchenden Zugewanderten und dem einsamen alteingesessenen Berliner – mit nicht unproblematischen Nebenerscheinungen. Die beiden verbinden nicht nur ein Interesse an der Stadt, sondern auch ein melancholischer Hang zu Gewesenem und vergleichbare Schwierigkeiten im Umgang mit der eigenen Vergangenheit.

So entwickelt sich der Historiker und ehemalige Journalist zusehends zur zweiten Hauptfigur und seine Erzählungen bereichern den Roman um eine wichtige weitere Ebene. Denn durch die authentische Exemplarität seiner Vita bekommt das Bild des heutigen Berlins eine lebendige historische Plastizität, die Lenas Wahrnehmung als die einer Fremden ergänzt. Plötzlich sieht sie hinter Fassaden, an denen sie bisher gleichgültig vorbeilief, Geschichten und entwickelt ein neues Gefühl und ein kulturelles Verständnis für die Stadt.

***

Fazit: Ein tolles Debüt, geschrieben aus der Perspektive einer Frau, die aus dem Osten kommt – und im Osten bleibt. Ein Roman mit viel Welt und Stadt drin, mit vielen Geschichten und Binnenerzählungen, mit einem geschärften Blick für diejenigen, die – wie sie selbst – die Jugend und die goldenen Hoffnungen hinter sich haben. Und mit ganz viel Russland drin. Die Haupt- wie die Nebenfiguren werden sehr sorgfältig entwickelt, gewinnen zusehends an Tiefe und Schattierungen und machen einen neugierig. So taucht man beim Lesen in ein Biotop ein, das derart voll Leben getränkt ist, dass man sich vor Ort wähnt, die Gerüche riecht, die Atmosphäre empfindet, die Auslagen der Schaufenster, die Stadt, ihre Straßen, ihre Gebäude und ihre Menschen vor sich sieht. Und einiges mehr.


Angaben:
Nellja Veremej: Berlin liegt im Osten. Jung und Jung, Berlin 2013. 336 Seiten.