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Freitag, 2. August 2013

Textauszüge zu Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben (2012)



zur Rezension geht es hier




Textauszug 1
Themen: Intersexualität, fragwürdige Normativität, Überforderung mit dem Leben, Geschlechtzugehörigkeit als Rollenspiel und -zwang

Bis ins 18. Jahrhundert war es rechtliche Praxis, Hermaphroditen auf Wunsch ihre Zweigeschlechtlichkeit zuzugestehen oder sie selbst entscheiden zu lassen, welchem Geschlecht, Mann oder Frau, sie angehören wollten.
Ab 1830 wurde eingeschränkt, dass Hermaphroditen bis zu ihrem 18. Geburtstag selbst entscheiden müssen, welchem sozialen Geschlecht sie zugeordnet werden wollen. Aber eine Zuordnung muss stattfinden, sie muss, das hat ja keine Ordnung sonst. 1895 wurden Hermaphroditen im Gesetzbuch juristisch für nicht existent erklärt. Das ist bis heute unverändert. Intersexualität gilt als medizinisches Problem, also als Krankheit, und fällt nicht in den politischen und rechtlichen Zuständigkeitsbereich.
Nein, Toto hatte diesen Text nicht gesehen, er wusste nur, dass er Nichts war und sich gut fühlte. Er verstand nicht, wozu eine klare Zuordnung dienen soll, wenn doch keiner weiß, wie man ein Leben erfreulich verbringt, wenn doch ein Krieg zwischen Männern und Frauen herrscht und keiner einem sagen kann, was genau eine Frau und ein Mann sind und wozu es eine Klarheit benötigt in einem Dasein, das nach achtzig Jahren in völliger Unklarheit zu Ende gehen wird. Warum muss alles seine Ordnung haben, wenn doch nichts in einer Ordnung befindlich ist in diesem Universum. Toto war so müde, dass er sich nicht einmal für Pfleger Peter verantwortlich fühlte, der sich neben sein Bett gesetzt hatte und ihn hungrig ansah. Vielleicht hatte er einfach zu wenig Energie für dieses Leben, das ständig eine Anstrengung zu erwarten schien. Hast du schon mal einen wie mich gesehen, fragte Toto, und Peter der Pfleger nickte, seltsam schwer. Sein Pferdeschwanz hing betrübt in seinem Nacken, als er aufsprang und sofort wieder arbeiten musste, wie er sagte. Toto blickte ihm nach. Da waren Menschen, die dringend irgendetwas mussten, nur er hatte nie gemusst, gewollt, gearbeitet. Vielleicht war sein unkonzentrierter Lebensentwurf eine Folge seiner, ja, was eigentlich. Toto hatte sich nie behindert gefühlt. Es schien ihm eher so, dass viele Männer und Frauen ihre Rollen darstellten, weil sie glaubten, dass das erwartet wird. Er hatte die Mann- und Frau-Darstellungen nie richtig ernst genommen. In seiner kommunistischen Jugend war kein großes Aufhebens um Geschlechter und ihre Rollen gemacht worden. Waren die Eltern weder Intellektuelle oder anderweitig Staatsfeinde, gab es für alle die gleichen Chancen auf ein wunderbar erfülltes volkseigenes Leben im Arbeiter- und Bauernstaat. Hier im Kapitalismus schien die Frage nach den Rollen von Mann und Frau von einer außerordentlichen Wichtigkeit. Es wurde unentwegt darüber geredet, gestritten, geschrieben. Es schien, als müsse man, um seine Zugehörigkeit zu einem der beiden Geschlechter zu demonstrieren, gezieltes Kaufverhalten entwickeln. Die Frauen mussten sich Brüste kaufen, unbedingt, und an jeder Nachttankstelle müssen die erhältlich sein, und die Brüste müssen dann in Dessous geschlagen werden, während die Männer ihr Gesicht ständig rasieren müssen, mit muskelbepackten Armen. Toto war das alles unverständlich. Da steht doch keiner auf, am Morgen, und streicht sich bewundernd über seinen geschlechtszugehörigen Körper, da sind doch alle gleich müde und gleich nicht vorhanden, mit sich allein.
S. 237f.

Textauszug 2
Themen: DDR, Tristesse, Alltag der Werktätigen, Mangelwirtschaft
Es war kurz nach neun. Die meisten Bewohner der kleinen Stadt, die um das Heim gebaut worden war, arbeiteten schon. Sie taten, was nach der kollektiven Verabredung notwendig war, um nicht aus der Gesellschaft verstoßen zu werden. In den Fabriken begannen Arbeiter in blauer Arbeitskleidung Teile für irgendetwas herzustellen. In den Büros saßen Beamte an Tischen und tranken, die Uhr nicht aus dem Auge lassend, schlechten Kaffee. In den Läden standen die Verkäuferinnen, und frei jedes Servicegedankens, ordneten sie missmutig Nichts in die Regale. Die Wohnungen standen leer und zugig, nur wenige Asoziale hielten sich daheim auf, selbst für die niederste Kreatur hatte sich in dem kleinen Staat eine Verwendung gefunden. Der Ton in Fabriken, Büros, Arztpraxen und Läden war vorwiegend unfreundlich, den Menschen war unwohl, ihre strahlende Zukunft wollte sich nicht einstellen, und es gab keinen Grund, freundlich zu sein, außer dass es das Leben angenehmer gemacht hätte, aber das wusste ja keiner. Nachdem die Werktätigen exakt acht Stunden mit ihrer Tätigkeit verbracht hatten, würden sie auf dem Heimweg nichts mehr einkaufen, was denn auch, und wo denn auch, da alle Geschäfte bereits geschlossen waren. Sie würden in ihre nicht besonders attraktiven Wohnungen verschwinden. Schön wohnten nur hervorragende Parteimitglieder, da gab es schon manchmal ein Haus am See, das irgendwann einem Juden gehört hatte und nun, nach dem Verschwinden der Nazis, von einem Kadermitglied oder einem Genossen Künstler bewohnt wurde. Die Werktätigen hatten ihre Kinder aus den Betreuungseinrichtungen geholt. Es gab Kohlgerichte, es wurden Nachrichten gesehen, die so interessant waren wie in jeder Diktatur, dann wurde noch ein wenig Westfernsehen geschaut oder gelesen. Getrunken wurde in jedem Fall, weggegangen kaum, da gab es nichts zum Weggehen; ein Restaurant aufzusuchen wäre den wenigsten eingefallen, die drei, die es gab in der Stadt, arbeiteten mit Vorbestellung und Kundenplazierung, da ging man nur zur Jugendweihe hin, um erlesen zubereiteten Kohl zu sich zu nehmen. Im Kino liefen russische Filme.
Wer jung war, traf sich irgendwo auf der Straße, begab sich in Wohnungen von irgendwem, um ein wenig zu trinken, oder in den Studentenclub, um sich da zu betrinken. Die Jungen kannten kein anderes System, sie fragten sich nicht, warum die Läden so leer waren, die Zeitungen keine Informationen enthielten, sie waren voll Kraft und träumten von irgendwas, das sie nicht kannten, es sollte nur anders sein. Nicht so unendlich ockerfarben.
Der einzig erkennbare Vorteil des Systems war, dass es niemals den Neid der Menschen herausforderte, denn da gab es nicht viel, worum man den Nachbarn beneiden konnte. Die anders waren, hatten das Land verlassen, die Hinterbliebenen waren sich zu ähnlich oder zu müde, um einander zu hassen.
S. 49f.


Textauszug 3
Themen: Dystopie
Toto hatte geahnt, dass sie irgendwann zu müde sein würde, um der Tatsache, dass die Welt ohne sie weiterbestehen würde, große Beachtung zu schenken. Kommst du mit in die Stadt, fragte Béatrice. Eine alte Obdachlose, im letzten Jahrtausend geboren und aufgewachsen, geprägt von einer merkwürdigen Welt, die noch gekämpft hatte. Gegen die Natur und gegeneinander. Heute hatte man den Untergang akzeptiert und hing schlaff in den Seilen. Es gab doch hervorragende Frühwarnsysteme; kippte irgendein ökologisches Gleichgewicht auf der Welt, registrierte man es mit Achselzucken, denn die Wissenschaft wird eine Lösung finden, sie finden immer eine Lösung, es wird gutgehen. Es geht immer gut aus, für die meisten jedenfalls.
Schon längst gab es Hallen, in denen Winter nachgestellt wurden, überdachte Gebiete, in denen Seen wuchsen. Man hatte sich arrangiert, und die neue Generation vermisste nichts, ab und zu gab es ein Großes Sterben, aber das ging einen ja auch nichts an, entweder war man dann eben tot, oder man gehörte zu denen, denen so etwas nicht passierte. Menschliches Leben wird ja nur von denen überbewertet, die etwas Geliebtes verlieren. Im Fluss der Zeit, in der Aneinanderreihung der Evolution ist der einzelne meist komplett ohne Bedeutung. Außer ein paar Revolutionären, Erfindern, Diktatoren war der Rest völlig uninteressant.
Toto sah Béatrice an. Nein, ich bleibe heute hier, danke. Béatrice schlurfte in die Stadt, um von Bäckereien und Touristen etwas zu erbetteln, Toto sah in die Sonne, es würde wieder heiß werden, und ihr fielen Folkloreblusen ein. Bestickte Scheußlichkeiten aus Bulgarien, nach denen die Mädchen früher verrückt waren, als es Bulgarien noch gab und es nicht einfach ein uniformer Teil der Welt war, in der fast alle nur mehr Englisch sprachen.
Früher, als Menschen noch nach etwas verrückt waren.
Toto legte sich wieder hin. Sie hatte es sich nett gemacht. Eine Villa aus Styropor und Kartons, das war Totos Haus. Es war sauber, es sah reizend aus, wollte einer der anderen unter der Brücke etwas von ihr, machten sie klopfklopf. Mit ihr wohnten hier Béatrice, die früher Krankenschwester gewesen war, und drei ehemalige Biologielehrer. Am Bild der fröhlichen Clochards hatte sich nicht viel geändert in den letzten hundert Jahren, außer dass es keine Zeitungen mehr gab, auf denen man hätte übernachten können. Toto sah in den Himmel, den konnte man sehen neben der Decke des Tunnels, es gab nur noch Regen oder nicht Regen, alle anderen Jahreszeiten waren auf elegante Art zusammengeflossen zu etwas Warmem. Das würde wohl alles so weitergehen, ohne sie. Die Menschen werden überleben, es wird noch wärmer werden, vielleicht werden alle irgendwann braun, um die Haut vor der Sonne zu schützen, vielleicht wachsen ihnen Schwimmhäute wegen der ständigen Überflutungen. Doch sie bauten schon fleißig Dämme, und an die Hässlichkeit hatten sie sich doch auch gewöhnt. Ab und zu kamen indische Touristen und fotografierten die Obdachlosen, verschwanden jedoch schnell und verstört, wenn Béatrice sich zum Wasserlassen hinkauerte.

S. 374f.

Textauszug 4

Themen 

Hamburg, die schmutzige Seite der Großstadt, Gosse, St. Pauli
Hackordnung unter Bedürftigen
das Ausbleiben des Glücks in einer glitzernden Welt
das Problem der Sexualität:
- Qual, Verdrängung, Gewissenslast
- käufliche Liebe, pervertierte Formen
- Ehepaare im Vergnügungsviertel
- dem Pfarrer des Männerwohnheims (exemplarische Geschichte)
- der einsame hässliche Mann




Rechte: 
Abdruck der Textauszüge auf meinem Blog 
mit freundlicher Genehmigung der Hanser Literaturverlage.


Angaben:
Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben. 
München, Hanser 2012. 400 Seiten.


Sonntag, 21. Juli 2013

Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben (2012)



Längere Textauszüge findet du hier


Der heilige Hermaphrodit 

oder die Unmöglichkeit des Glücks


Wo Sibylle Berg hinschreibt, da wächst kein Gras mehr. Und trotzdem bringt sie einen mit ihrem anarchistischen Antibildungsroman zum Lachen, immer wieder, und entwickelt mächtig Zug. Chapeau.

Eine Passionsgeschichte. Toto der Gute. Toto der Dulder. Der Jesus aus dem Osten. Singender Heiliger. Toto mit dem absoluten Gehör. Aus der Norm gefallener Toto. Und: Toto der schwule Zwitter, der beide Geschlechter in sich vereint. Wie der Kugelmensch aus Platons Symposion.

Toto heißt ›alles‹, doch der Welt ist er ein »Nichts« (14). Das kann man durchaus als allegorischen Gegensatz fürs Menschsein an sich verstehen. Muss nicht. Kann. Schön, weil treffend, denn für jede und jeden von uns gilt: wir sind uns selbst alles, wir sind uns die Welt, ohne ›ich‹ keine Welt. Doch wir verschwinden in ihr. Sind nichts angesichts des bereits Bestehenden, Vergangenen, Zukünftigen. Sind Nichts. Wir sind Toto.

Wieso Passionsgeschichte? Toto verkörpert das Prinzip friedfertiger Empathie, einfach ohne metaphysischen doppelten Boden: Schlag mich, ich schlage nicht zurück. Mich schmerzt nicht der Schlag, mich schmerzt nur dein Zorn, deine Trauer, deine Ohnmacht. In was für eine Welt bist du geboren worden, was hat sie mit dir gemacht, dass du so geworden bist? Mich kannst du ja nicht meinen, denn wer bin ich schon. Lass mich dir helfen.

Was für ein Missverständnis. Die Missgunst, die ihm seit seiner Geburt von praktisch allen Menschen entgegenschlägt, erklärt sich Toto damit, dass sie ihre Sterblichkeit ratlos und verbittert macht. Dass Menschen an sich böse sein können, böswillig aus freien Stücken und nicht als Folge eigener Lebensdramen, kann oder will er sich nicht vorstellen. Dem Bösen gegenüber ist er immun – und damit ausgeliefert. Kommt man so durch die Welt? Geht so. Sibylle Berg verurteilt Toto dazu, in einer Kinderhölle geboren zu werden, im traurigen Osten Deutschlands. Los geht’s.

***

DDR in den sechziger Jahren, nicht gerade eine Hochburg von Pluralismus und Toleranz. Toto wird als Zwitter geboren, aber die Frau auf dem Amt hat nur zwei Schubladen zur Verfügung und keinen Sinn für Feinheiten. Wo kämen wir denn da hin. Toto wird zum Jungen deklariert. Brandstempel männlich. Wie beim Vieh. Der Mutter ist das einerlei. Die verwahrloste, partnerbefreite Alkoholikerin – guter Durchschnitt, ›normal‹ – war bereits ohne ihn vom Leben überfordert.
»Sie verachtete das Kind, weil es bei ihr war, an dem Ort, den sie so hasste. Je zufriedener das Baby wirkte, desto mehr knuffte sie es in die Seiten, um es ihm unbehaglich zu machen, um es zur Abreise zu bewegen, mit seinen albernen Windeln unterm Arm, mit seinem merkwürdigen Leib, seiner Andersartigkeit, Unverwundbarkeit und Reinheit. Sie war doch so verletzt, von der großen Enttäuschung, die ihr die da draußen bereitet hatten.« (28)
Toto landet im Heim. Vom Regen in die Traufe. Wer nicht der Norm entspricht, wird entweder zur Norm gebogen oder ausgegrenzt. Von Staats wegen. Vertreten durch Frau Hagen. »Schreien war ihr angeboren. […] Frau Hagen fühlte sich im Recht. Damit beginnt jedes Elend der Welt.« (34f.) Die Kuscheltiere müssen beim Einzug abgegeben werden, weil sie den Gemeinschaftssinn stören könnten, Linkshändern wird die ›schlechte‹ Hand verboten. Zum Beispiel. Wer gar zwischen den Beinen anders ausgestattet ist als der Rest des traurigen Haufens, hat verloren. Nettigkeit und Genügsamkeit hilft nicht, im Gegenteil, sie macht Toto eher verdächtig. Wem er im täglichen Überlebenskampf zur Hilfe eilen will, flieht vor der »Schwuchtel« (70). Was war nur an ihm? Arglos wie das Monster in Mary Shelleys ›Frankenstein‹ (1813) erlebt Toto den Abscheu der Welt vor seinem Äußeren, ohne ihn zu verstehen.

***

Das wird in der Schule nicht besser, zum Beispiel auf dem Amboss des ehemaligen Stahl- und Walzwerkers, der Kinder hasst und sich nur der vielen Ferien wegen zum Erdkundelehrer umschulen ließ. Formen tut er nach wie vor, nur das Material ist weicher geworden, ein vernachlässigbarer Umstand. Mit Fußtritten und pädagogisch vorbildhaftem Hass auf Aus-der-Art-Gefallene, ›Volkskörper‹fremde lässt er all seinen Hass an dem ›grinsenden fetten Riesen‹ aus, der unter der Schulbank heimlich Bücher liest. Toto – inzwischen 16 Jahre alt und 1.80 groß – versteht auch das als Ausdruck einer grundsätzlichen Traurigkeit, die nichts mit seiner Person zu tun hat. Sein grundsätzlicher anthropologischer Skeptizismus hindert ihn daran, für sich einzustehen.

Inzwischen wurde er an Pflegeeltern verschachert, die im Grunde selber Pflegeeltern bräuchten – »ein Paradebeispiel für misslungenes Hassmanagement« (92f.) – und ihn als Stallknecht missbrauchen. Hier offenbart sich ein Wunder. Ausgerechnet in Trötdorf (!), einem von allen Göttern verlassenen Unort, erfährt der Roman eine erste Wendung: Toto entdeckt den Gesang, seine Musikalität – und empfindet Glück. Eine Referenz an Oskar Matzerath (Die Blechtrommel, 1959, von Günter Grass) oder Elias Alder aus Schlafes Bruder (Peter Schneider, 1995)? Oskar zersang Kirchenfenster und Brillengläser und schaffte es damit in den Zirkus, Elias sang sich in die Herzen der versammelten Dorfdeppen des Voralbergs – Toto singt für freundliche, ideologiefreie Kühe. Großartig.

Gesang entdeckt, Schule fertig, ab in den Westen. Toto hat nun ein Ziel – und einen Grund, sein Leben in die Hand zu nehmen und eine Veränderung herbeizuführen: Dank der Fluchthilfe einer revolutionären Zelle, die in der DDR das bessere Deutschland sucht (eine sehr lustige Abrechnung mit Last-exit-Hippies, der traurigen Sorte) – landet er über Umwege in Hamburg.

***

Toto selbst ist zwar der unangefochtene Protagonist des Romans, wird von der Erzählerin aber vor allem als Perspektivfigur eingesetzt, beansprucht kaum Innerlichkeit und Selbstreflexion. So denkt er weder viel über seine Zwitternatur nach noch über seine auffällige äußere Erscheinung. Das wird von der Erzählerin damit begründet, dass er eben keiner sei, der viel über sich nachdenke. Umso mehr Raum bleibt für seinen vermeintlich objektiven Blick auf die Welt. Er vermittelt ein desaströses Bild des Landes, über alle Dekaden, Klassen und Gruppierungen hinweg.

Mit dem Blick des Fremden, des Außenseiters – wie ein vom Himmel gefallenes Alien – wundert er sich über die Hässlichkeit der Städte und die Lebensformen der Menschen. Er stellt fest, dass auch im Schlaraffenland des Kapitalismus Schönheit und Glück kaum vorzufinden sind, dass die Personen, denen er begegnet, einsam und unglücklich sind, egal ob sie Punks, Imbissbudenbetreiber, Musiklehrer oder Revolutionäre sind. Seine relative Unvoreingenommenheit verstärken die drastische und komische Wirkung seiner Beobachtungen – ähnlich wie Oskar Matzerath oder der Affe Rotpeter aus Kafkas ›Bericht für eine Akademie‹.

Der parabelhafte, verfremdende Eindruck, der durch dieses Figurenkonzept entsteht, wird durch die Figur des Kasimir verstärkt. Kasimir ist so etwas wie die zweite Hauptfigur, jedenfalls Totos Gegenspieler. Sie lernten sich im Heim kennen, Toto buhlte um seine Freundschaft, sie schliefen eine Nacht im gleichen Bett, Totos schönste Erinnerung an die Kindheit. Danach ließ Kasimir ihn fallen.

Sieht man Toto als prototypischen Verweigerer der Leistungsgesellschaft – nur nichts wollen – verkörpert Kasimir sein Gegenteil, ein Macher und ein Karrierist mit Anleihen bei American Psycho. Er möchte seine Vergangenheit weit hinter sich lassen und drängt mit viel Hass und Verve in eine Zukunft von Macht und Geld. Als Hedgefund-Manager repräsentiert er eine Schicht, die sich von der Erzählerin den Vorwurf gefallen lassen muss, die Gier verinnerlicht zu haben und die Welt rücksichtslos in eine Katastrophe zu führen.

Der elitäre Ästhet Kasimir, der an der Hässlichkeit leidet, ist nicht nur krankhaft misogyn veranlagt, sondern auch voll Verachtung für Menschen, die naiv durchs Leben gehen – wie Toto, der ihm seit der gemeinsam im Heim verbrachten Kindheit ein Dorn im Auge ist, wohl weil er damit ein früher Zeuge seiner Verletzlichkeit und Verlorenheit ist. Er schwört sich, Toto eines Tages eines besseren zu belehren und ihm zu beweisen, dass das Böse im Menschen überwiegt, dass kein Mensch ungestraft naiv durchs Leben geht. Vergleichbar mit Mephistopheles, der im ›Prolog im Himmel‹ des Faust I. prophezeit, den Streber nach Erkenntnis vom Weg abzubringen. In Hamburg begegnen sich die beiden erstmals wieder – ohne sich zu erkennen – und der Satan Kasimir? –  verliebt sich in den singenden Kloß und dessen Stimme, die ihn zum Weinen bringt.

***

›Und weiter‹ … wie es lakonisch und immer wieder als Kapitelüberschrift heißt. Weiter in dieser apokalyptischen Parabel, dieser fulminanten und grotesken Odyssee durch mehrere Dekaden und Länder. Der letzte Teil mündet in eine Dystopie, die vergleichbar mit Juli Zehs Corpus Delicti an Tendenzen der unmittelbaren Gegenwart anknüpft. Staaten werden nur noch von Frauen gelenkt, und Europa ist auf den Stand heutiger Entwicklungsländer herabgesunken, besucht von neugierigen asiatischen Touristen, die die europäischen Elendsviertel als fotografische Kuriosität festhalten. Verkehrte Welt.

›Der Mann schläft‹, Bergs letzter Roman, wurde von ihr als eine verhältnismäßig optimistisch auf das Leben blickende Geschichte bezeichnet. Die Protagonistin verliebte sich in einen Mann und nahm ihn bedingungslos in ihr Leben auf. Er verschwand dann zwar wieder. Egal. Ein schöner Roman. Über den ich auch mal schreiben sollte. Aber positiv? optimistisch? fröhlich ins Leben glotzend? nein, das nicht.

Im Vergleich dazu ist ›Vielen Dank für das Leben‹ wieder eine volle Breitseite ohne jeden Hoffnungsschimmer, aber so was von begeisternd. Nichts für zarte Gemüter vielleicht. Dennoch spreche ich hier meine unbedingte Empfehlung aus.


Angaben:
Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben. 
München, Hanser 2012. 400 Seiten.