Donnerstag, 26. Juli 2012

The Virgin Suicides (USA 1999)


Regie: Sofia Coppola

☞ Trailer

Keine Lust auf diese Welt

Zugegeben, ein wenig enttäuscht bin ich schon von diesem Film. Er stand schon lange auf meiner Liste – vor einigen Jahren hatte ich mal reingesehen und war dann nicht in der Stimmung. Erste Eindrücke können täuschen und ich wollte ihm eine zweite Chance geben, schließlich gehört Sofia Coppolas Lost in Translation (2003) zu einem meiner Lieblingsfilme. Mehr erwartet habe ich auch angesichts des Wirbels, der vor zwölf Jahren um ihn gemacht wurde. Es gibt drei plausible Erklärungen für diesen Hype. Erstens: Sofia Coppola ist die Tochter keines Geringeren als Francis Ford Coppola (The Godfather I-III, Apocalypse Now) und The Virgin Suicides ihr Erstling. Es war und ist ein beliebtes Gesellschaftsspiel, das Leben und Werk der Kinder berühmter Menschen zu verfolgen, teils weil sie so grandios scheitern können, teils weil sie so viel Knowhow, Beziehungen, Glamour und – womöglich – Talent in ihren Karrierestart mitbringen; vor allem wohl wegen der Kombination von beidem. Zudem sind Regiefamilien viel spärlicher gesät als Schauspielerdynastien und Frauen in dieser Sparte chronisch unterdotiert.
Zweitens: Die literarische Vorlage war ein Bestseller und Jeffrey Eugenides ein bekannter Autor. Drittens (hängt mit zweitens zusammen): der Stoff birgt gehöriges Skandalpotenzial. Es geht um den Suizid von fünf (5!) ansehnlichen Schwestern einer superdurchschnittlichen Mittelstandsfamilie einer Kleinstadt, vier davon begehen ihn in ein- und derselben Nacht. Der Tod und die Mädchen: der Komparativ eines der beliebtesten Motive unserer Kulturgeschichte. Unter den vielen berühmten Selbstmörderinnen sind eine ganze Reihe Suizide: angefangen von Sophokles’ Iokaste, der tragischen Muttergattin des Ödipus, über Vergils untröstliche Dido der Aeneis, Hamlets wahnsinnig traurige Ophelia, Lessings befremdlich entschlossene Emilia Galotti und Kleists versteinernde Penthesilea bis zu Schnitzlers mutterseeleneinsamen Fräulein Else, um einmal ein paar wenige zu nennen. Während die vier erstgenannten an ihrem Schicksal verzweifeln, sind die beiden letztgenannten Beispiele für klassische weibliche Opfergänge zugunsten einer vorwiegend von Männern definierten Moral. Wofür aber sterben die Lisbon-Schwestern, was für ein Motiv verbirgt sich hinter den Virgin Suicides? An welchem Schicksal verzweifeln sie? Wem opfern sie sich?



Alfred Hitchcock war der Ansicht, dass die besten Filme auf schlechten Drehbüchern beruhen und dass umgekehrt eine gute literarische Vorlage einen Nachteil darstelle für Drehbuch und Regie. The Virgin Suicides scheint mir – leider – ein gutes Beispiel dafür. Man spürt über die gesamte Länge des Films, dass es da eine Menge zu erzählen gäbe, was sich tief in den Seelen der Familienmitglieder oder zwischen ihnen abspielt, doch das kostet Zeit und würde vor allem eine Innenperspektive voraussetzen. Was man stattdessen zu sehen bekommt, ist nur die Oberfläche, die sich weitgehend einer Deutung verwehrt. Ist das vielleicht gewollt? Geht es um die Darstellung eines Mysteriums als ebensolches?



Dass es sich um ein Mysterium handelt, ist jedenfalls der Aufhänger des Films: Erzählt wird die Chronik eines angekündigten Suizides von dem Kollektiv einer Handvoll Jungs Jahre später, deren Voice-Over die Ereignisse ordnet und kommentiert. Mag sein, dass das sowohl in der Vorlage als auch im Drehbuch so angelegt ist, aber es hat negative Auswirkungen auf das, was wir zu sehen bekommen und damit auf unsere Bereitschaft und Fähigkeit zur Empathie. Letztlich beeinträchtigt diese Wahl der Erzählperspektive unser Interesse für die Figuren und das Geschehen, das ja eigentlich nach Melodram schreit. Das Problem jedes an der Handlung beteiligten Erzählers ist der beschränkte Einblick in die Realität der anderen, so auch hier: Was erzählt wird, beruht auf einer Melange aus dem wenigen gemeinsam Erlebten (Situationen an der Schule, Tanzabend), einem aufgefundenen Tagebuch einer der Schwestern, einigen Fotos sowie der Vorstellungskraft und nachträglich angestellten Vermutungen der Jungens. Sie sind noch Jahre später fasziniert von dem Rätsel, das die fünf Schwestern und die gesamte Familie Lisbon umgab, der zentrale Gegenstand des Films.



Aber aus dem Vollen schöpfen und wirklich in diese harmlos wirkende Familie eintauchen, in das Biotop, das unglaubliche fünf Töchter in den Suizid treibt, das könnte nur ein allwissender Erzähler. Bummer. Denn zum einen sind einem die vier, fünf Jungs herzlich egal, mehr noch, sie langweilen einen mit ihrer austauschbaren Grünohrigkeit, fünf brav frisierte junge Teenager im Amerika der 70er – gleich orientierungslos und undersexed wie in Hangover oder American Pie, nur weniger spektakulär. Gähn. Sie kommen einem weder nahe, noch tragen sie etwas zu des Rätsels Lösung bei, klar, ihr Beau namens Trip ist eine coole Figur, aber welche Rolle spielt das schon, um wen geht es hier eigentlich? Doch nicht um einen die Starallüren eines präpotenten Schürzenjägers?



Vor allem aber wirken mangels Einblick auch die Schwestern wie fünf Klone, einzig zwei heben sich etwas von den anderen ab: Cecilia, weil sie die erste ist, die sich umbringt, bereits früh im Film; und Lux (gespielt von der sehr jungen Kirsten Dunst), weil ihre kurze Liaison mit dem Schulcasanova namens Trip das Ereignis an einem Tanzabend ist und den Höhepunkt der Tragödie herbeiführt – und weil sie sexuell am weitesten fortgeschrittenen ist, was die Phantasie der Jungs beflügelt.
Dennoch wird einem weisgemacht, man befände sich in der Familie, das ist la règle du jeu, manchmal müssen die Bilder für sich sprechen dürfen, ein Voice-Over ist ja kein Sportkommentator. Diese Familienszenen mit dem Potenzial zur Intimität aber sind im Großen und Ganzen seltsam gleichförmig erzählt. Ist diese Emotionslosigkeit gewollter Stil? Ist das coole Distanz? Gleichgültige Verweigerung gegenüber vermeintlich klaren Kausalitäten?



Was einem am meisten bleibt, sind drei Dinge: Der Vater (James Woods), der auf etwas tüddelig-verklemmte Art durch den Film und als einziger Mann in der Frauenschar den Befehlsempfänger der rigiden Mutter (Kathleen Turner) gibt. Er sorgt zwar für einige Lacher, bleibt aber als Karikatur der Hilflosigkeit im Hintergrund. Die Mutter seltsamerweise auch, sie verkörpert auf stereotype Weise die religiös grundierte mütterliche Furcht vor den sittlichen Gefahren des Jungseins im Allgemeinen und der modernen Jugendkultur im Besonderen: Tierfilme im trauten Kreis der Familie sind erlaubt, Aerosmith oder Kiss hingegen geht gar nicht. Weg mit den Platten, ab in den Kamin. Wow.



Und dann vor allem die fünf Mädchen oder jungen Frauen – so genau läßt sich das nicht auseinanderhalten, die Grenzen sind nicht wegen ihres unterschiedlichen Alters fließend. Entsprechend oszilliert ihr Verhalten und Mienenspiel zwischen kollektivem Backfischgetue, tatsächlicher oder vorgetäuschter familiärer Eintracht, kaschiertem bis offensivem erotischen Begehren und offenkundiger Depressivität. Das könnte knallen. Tut es aber irgendwie nicht. Dafür wird zu sehr Distanz gehalten zum Geschehen, dazu bleiben die Charaktere zu verwechselbar, weil man zu wenig über sie erfährt, dazu werden wir zu sehr außen vor gelassen. Große Gefühle werden kaum gezeigt, allenfalls, als die Musikalben dem Feuer geopfert werden oder die Eltern grünes Licht für den Tanzabend geben. Hm. Da haben wir schon andere Schicksale erlebt in den unzähligen Coming-of-Age-Dramen der letzten zehn, zwanzig Jahre.



Wenn aber sowohl die erzählenden jungen Männer als auch die fünf Schwestern keine spezifischen Merkmale haben und sich alles etwas hinter einem Schleier der Gleichgültigkeit abspielt, was bleibt dann? Dann bleibt der Ausweg, den Film als Parabel zu lesen. Und Parabel wofür? Klar, es geht um den verbreiteten kleinbürgerlichen bigotten Mief, um Triebhemmung und schwarze Pädagogik. Da wird etwas unterdrückt, da staut sich etwas unter einer stickigen Decke der Wohlanständigkeit an, das nach einem Ventil sucht und sich teilweise Bahn bricht. Und weil an Flucht nicht zu denken ist, bieten sich in letzter entschlossener Verzweiflung der festungsartige Gartenzaun an, der Strick, die Hausapotheke, die Badewanne oder das Auto in der Garage. War es denn so schlimm? Und ist es exemplarisch zu lesen? Bringt hier eine Generation diejenigen Exemplare ihrer Kinder systematisch um, die sich nicht das Leben verbieten lassen und es sich deshalb lieber selbst nehmen? Na ja. Oder waren sie einfach nicht neugierig genug auf das Leben, das ihnen drohte, wenn sie mal so auf erbärmliche Weise erwachsen würden wie ihre mausgrauen Eltern? Einmal deutet die junge Cecilia so etwas in die Richtung an, altklug und dennoch supercool. Über solche und andere Deutungen lässt sich diskutieren, da lässt der Film einige Freiheiten, das kann man auch als Stärke sehen. Die Geschichte ist erzählt, aber das Rätsel ist nicht gelöst, das Mysterium bleibt bestehen.



Dennoch: Bei aller Freude am Enigmatischen und der Freiheit zur Aporie finde ich das Resultat etwas unbefriedigend, daran ändern auch die schönen Songs von Air nichts. Es reicht weder zur Charakterstudie – wie in Coppolas unverwechselbaren Wurf Lost in Translation – noch zur Milieustudie à la Magnolia (Paul Thomas Anderson) oder American Beauty (Sam Mendes), die im selben Jahr wie The Virgin Suicides in die Kinos kamen. Das ist vielleicht auch etwas viel verlangt von einer jungen Regisseurin.



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