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Sonntag, 10. Januar 2016

The Big Short (USA 2015)



Regie: Adam McKay

Mit: Christian Bale, Ryan Gosling, Brad Pitt etc.


Traurige Geldkrieger

Subprimes, Swaps und C.D.O.s. Wer kein Kredithai ist oder vor dem Kinobesuch Michael Lewis' Vorlage gelesen hat, wird in diesem Film ganz viel erst mal nicht verstehen. Dafür hat der aalglatte Erzähler und Mitspieler Jared Vennett (Ryan Gosling mit diesmal ganz furchtbaren Haarschnitt) bereits in den ersten Filmminuten sehr viel Verständnis. Weshalb er sich in der Folge alle Mühe gibt, die für Nichtbörsianer obskuren Begriffe sowie die Prozesse, in denen sie eine Rolle spielen, vorbuchstabieren zu lassen,– zum Beispiel von einem Hotelkoch anhand von nicht mehr ganz frischem Kabeljau, an einem Black-Jack-Spieltisch (yep!) oder von einer blonden bombshell im Schaumbad. So weit, so genial.

A propos bombshell. Schon in den ersten Filmminuten wähnt man sich im Krieg, einem Krieg um Zahlen und deren Bedeutung. Die rasant montierten Informationen fliegen einem nur so um die Ohren. Man ahnt, dass das keine cineastische Kreuzfahrt wird, eher eine textdominierte Achterbahn. Was soll's. Anschnallen und los. Selten habe ich einen ganzen Film lang immer wieder damit gekämpft, so etwas wie eine Übersicht zu gewinnen. Das ist wohl Absicht.

Worum geht's? Es geht um die Entstehung der Finanzkrise 2008 und um die paar Nasen, die früher als alle anderen Lunte riechen: Es ist was faul auf dem Häusermarkt. Sie wollen das aber nicht etwa verhindern, sondern damit Geld verdienen.
Die dramatis persone ist insofern außerordentlich, als es keine wirkliche Identifikationsfigur gibt, kein gut und böse. Kaffee trinken möchte man mit keinem dieser Leute, es sei denn sie erklärten einem den Finanzmarkt so, dass für den Rest des Lebens keine Fragen mehr offen sind.

***

Der sehr starke und uneitle Christian Bale hätte das Zeug zum Helden. Wenn er denn auf der richtigen Seite stehen würde. Tut er aber nicht. Dort steht nämlich keiner der Beteiligten.
Bale gibt den freakigen Analysten Michael Burry, ein ehemaliger Arzt, der auf seinem Doktortitel besteht und am besten nachdenken kann, wenn er mit Kopfhörern Metal hört und dazu Schlagzeug spielt. Barfuß und in Turnhosen tappt er manchmal aus seinem Büro und malt Zahlen auf ein Flipchart.
Man soll ihn für sein offensichtliches mathematisches Genie bewundern (klappt), amüsiert sich über seine autistische Kauzigkeit, und findet ihn jedenfalls sympathischer als seinen wütenden Chef, der Angst um sein Geld hat. Aber um ihn zu mögen oder um ihn zu bangen, dazu fehlt zur fehlenden guten Absicht auch der Zugang zu seinem Wesen, er läßt einen nicht ran, gefangen in sich. Eine arme Sau ohne Privatleben. Vermutlich ist es genau das, was ihn einem sympathisch macht. Er lebt für seinen Job, aber ohne jede Gier. Er will nur Recht behalten mit seinen Analysen.

Mark Baum (Steve Carell) hingegen wächst einem im Verlauf des Films richtig ans Herz, obwohl oder gerade weil er am Tourette-Syndrom zu leiden scheint. Er scheint an der Verrücktheit des Geschäfts zu verzweifeln. Wie ein Berserker am Rande des Nervenzusammenbruchs flucht und schimpft er sich durch die Szenen. Dass der Mann massiv am Rad dreht und dass dahinter eine Tragödie steht, wird bald klar, seine Frau kümmert sich darum, dass er rechtzeitig in die Therapie kommt, aber auch er lebt – trotz Familie – ausschließlich in der Welt der Zahlen und Statistiken. Unglücklich, aber damit durchaus glücklich. Er geht wie der so eitle wie unsympathische Venett und Dr. Burry und alle anderen auch komplett im Business auf. Und alle wollen nur verdienen. Da gibt's eigentlich gar nichts zu bewundern.

Der Glamour fehlt komplett. Glücklich wirkt keiner dieser Protagonisten der Schlacht ums große Absahnen auf Kosten anderer. Das wurde mir so richtig erst einen tag später bewusst, und man empfindet es als ausgleichende Gerechtigkeit – wenn man sich das kriminelle Potenzial und die Unsummen vor Augen führt, das diese traurigen Geldkrieger aus dem Existenzverlust Tausender Menschen zu ziehen hoffen. Konsequenterweise sieht man sie in keiner einzigen Szene mal entspannen. Sie ruhen sich nie aus, haben kein Privatleben, sehen die meiste Zeit ungewaschen und kaputt aus. Außer Brad Pitt alias Ben Rickert, ein bekehrter Guru des Business, der nun nicht mehr alles über Zahlen wissen will, sondern über Bio-Produkte.
Rickert ist es dann auch, der zwei Gewinnern der Krise den Freudentanz verbietet. Er, der ihnen dabei geholfen hat. Nicht mehr als ein Feigenblatt für den vermeintlichen Softie.


Freitag, 1. Januar 2016

Victoria (D 2015)



Regie: Sebastian Schipper
Es spielen:
Laia Costa (Victoria), Frederick Lau (Sonne),
Franz Rogowski (Boxer), André Hennicke etc. (siehe hier) 


Der Charme der Freiheit

Sonne, Boxer, Blinker, Fuß. So muss man heißen, wenn Freundschaft mehr als eine Floskel ist und die Nacht erst dann zu Ende, wenn das Kollektiv es absegnet. Kraft durch Assoziation, gelebte Bande. Daneben verblassen all die netten und zuvorkommenden Michis, Thomis & Danis schon mal zu traurigen Pappkameraden mit zwei Jahren Blockflötenerfahrung und jetzt aber mal heim ins Bett.

Sonne ist eine Art Kopf der Viererbande, er ist es auch, der Victoria aufgabelt, die eigentliche Protagonistin. Die Spanierin hat sich in einem Club müde getanzt und will gerade aufbrechen, als sie von ihm ausgespäht und aufgegabelt wird. Sonne, schon mit leichter Schlagseite, macht seinem Namen alle Ehre, er strahlt sie an und wirbt mit radebrechendem Englisch um ihre Aufmerksamkeit. Dauernd will sie heimradeln, weil sie früh raus muss, und immer wieder will er ihr nur was zeigen, was das echte Berlin ist. Weil er und seine Kumpels sind doch echte Berliner und keine Zugezogenen, die sich nur Berliner nennen. Das wollen wir hier mal festhalten.

Und eh sie sich versieht, ist die mutige Victoria aufgenommen und wird mitgeschleppt, wie eine kleine Schwester, die mal mitdarf, wenn die Großen auf Tour sind. Sie spürt: bei denen bin ich gu aufgehoben, die wollen mir nicht an die Wäsche, die wollen nur Hier-und-Jetzt, und das möglichst lange. Jeder der vier Männer wollen ihr gefallen, sie beschützen, ihr was zeigen, jeder versuchts auf seine Tour, das elleine ist schon sehr sweet anzusehen.  

Der Charme der Freiheit ist sehr anziehend, auf die vor Erwartung leuchtende Victoria wie auf uns, wenn wir den fünf Mittzwanzigern dabei zusehen, wie sie einander auf den Arm nehmen und umarmen, wie sie einander umschwirren und anblaffen, denn Freunde schulden sich Direktheit ohne Fehl, besonders in Berlin. Die ganze Zeit wird geredet, alles ist dringend und muss jetzt gesagt werden, denn wenn man es jetzt nicht sagt, geht es womöglich vergessen oder man gerät in die Peripherie der kollektiven Aufmerksamkeit. Im Grunde verhandeln sie nichts Wesentliches, es ist mehr ein Gruppenflirt mit Sonne und Victoria im Zentrum. Solonummern sind allerdings verpönt und kaum haben sich die beiden mal kurz abgesetzt – der große Moment der Ruhe, der den Film in zwei Teile trennt – holen die anderen sie wieder ein.

Es gibt nämlich noch etwas zu erledigen, das sie Victoria verschwiegen haben. Boxer saß mal im Gefängnis und war dort auf den Schutz eines älteren Knastbruders angewiesen – nun soll er dem einen Gefallen erweisen. Wobei die Kumpels nicht fehlen dürfen.

Bei Victoria wirken die Dialoge und moves wie frisch von der Improbühne. So spontan, ungeplant bis chaotisch und mit viel Drive, wie sich die Nacht entwickelt, bewegt sich auch die Kamera, als würde sie der Gruppe angehören. Der Charme der Freiheit spielt eben auch auf dieser Ebene. Bei ganz vielen, eigentlich den meisten Filmen, die ich mir so ansehe, denke ich irgendwann: ah ja, so läuft das, klar, jetzt wird wohl … genau. Muss ich das wirklich zu Ende sehen? Und dann gibt es Filme, die erlebe wie diese Achterbahn im Europapark, die durchs Dunkel führt. Du weißt nicht, was als Nächstes kommt. Du bist nicht sicher, wo es dich durchführt und ob du das nun genießen darfst oder etwas fürchten musst. Sie mögen alte Geschichten erzählen, aber sie erzählen sie neu und anders. Das sind so Filme, die mich bewegen und die mir deshalb bleiben. 

Einen Haufen anderen Kram zum Film kann man beispielsweise hier erfahren:
BZ
SPIEGEL online
SPIEGEL online (Interview)
The Guardian

Samstag, 6. Dezember 2014

Der Kreis (CH 2014)


Regie: Stefan Haupt

Mit: Matthias Hungerbühler (Ernst), Sven Schelker (Röbi), Anatole Taubmann, Marianne Sägebrecht, und mit Ernst Ostertag und Röbi Rapp (als sie selbst)


Zürich in den Fünfzigern. Da denken manche an Saubermännertum, verklemmte Anständigkeit, an hysterisches kollektives Teppichgeklopfe und das pünktliche Elf-Uhr-Geläute, das Max Frischs renitentem Ich-Revolutionär Anatol Stiller so schön auf den Magen schlägt.
Ja, aber. Dass die vermeintlich biedere Kaufmannsstadt über viele Jahre eine verhältnismäßig freiheitliche Oase für Schwule aus ganz Europa war, davon erzählt dieser Film. Und wie es dazu kam, dass diese liberale Haltung verloren ging und eine Phase öffentlicher Schwulenfeindlichkeit ihren Anfang nahm. Und wann das? Haha. In den ach so wilden Jahren der Sechziger. So viel zu unserem differenzierten Geschichtsbild.

›Der Kreis‹ dreht sich um ein Liebespaar und um den stillen Kampf schwuler Zürcher um ihr Recht auf Gemeinschaft und Schutz. Ein sehr bewegendes und schön anzusehendes Stück Zeitgeschichte, in dem Historizität und Fiktion eine gelungene Verbindung eingehen. Die Figuren spielen außergewöhnlich unverkrampft und zeigefingerfrei, auf stereotype Rollen mit Ausrufezeichen wird dankenswerterweise komplett verzichtet – erspart wird uns DER Polizist, DIE Schlummermutter, DER Schulleiter oder DER Hauswart. Okay, DIE Mutter mag vorkommen, aber die Miene, mit der sie die geschenkten Blumen wortlos auf den Kaminsims tropfen lässt, die ist das Klischee wert.  

Der angehende Französischlehrer Ernst Ostertag ist schwul. Mit seinen Schülerinnen liest er ›L'étranger‹ statt ›irgendwas aus dem 18. oder 19. Jahrhundert‹, wie ihm sein Schulleiter dringend rät. Der hat den Camus zwar nicht gelesen, weiß aber ganz sicher, dass der Existenzialismus irgendwie mit dem Kommunismus verbandelt sei. Das Fremde ist eben das Andere ist eben der Feind.

Dann lernt Ernst den einige Jahre jüngeren Röbi kennen, der als blonde Marilyn Chansons zum besten gibt, dass es eine Freude ist. Röbi, der sich selber einen ›Sauschwaben‹ nennt, ist tagsüber Frisör und muss fürchten, vergebens auf eine Schweizer Staatsbürgerschaft zu hoffen, denn sein miesepetriger Chef macht ihn bei den Behörden schlecht. Seine Mutter (Marianne Sägebrecht) hingegen ist so fürsorglich wie tolerant und bietet ihm eine sichere Heimat.

Kennengelernt haben sich die beiden am Herbst-Ball, der alljährlich von Rolf organisiert wird. Rolf heißt eigenlich Karl Meier und leitet seit 1943 die Zeitschrift für Schwule namens ›Der Kreis‹, deren Abonnenten er schützt, indem er ihre Namen unter Verschluss hält. Gemeinsam mit einigen Helfern verlegt und verteilt er das schön gemachte dreisprachige Heft, das sich besonders bei den Abbildungen peinlich genau an die geltenden sittlichen Auflagen hält. So darf ein Mann untenrum nur dann nackt dargestellt sein, wenn es sich um eine Zeichnungen oder ein Gemälde mit künstlerischem Anspruch – zum Beispiel im antikisierenden Stil – handelt.  

Im Gegensatz zu Deutschland war Homosexualität unter Erwachsenen in der Schweiz nicht strafbar. Was nicht heißt, dass sie öffentlich toleriert war. Ernst steckt an seiner Schule mitten im Wahlverfahren. Will er eine Anstellung als Beamter, die ihm mehr Schutz bietet, muss er höllisch aufpassen. Nicht einmal seine Familie weiß um sein Schwulsein. Weil er sich aber nicht komplett verleugnen will und kann, geht er manches Risiko ein, wird Abonnent der Zeitschrift und geht auch an den einen oder anderen Anlass, den die community organisiert. 

Auf einem Pisssoir kommt es eines abends zu einer Begegnung, die es zu vermeiden gegolten hätte. Und ganz richtig, das ist jetzt ein Cliffhanger! 

***

Stefan Haupts Zürich orientiert sich, was den Charme betrifft, am Paris aus ›Amélie de Montmartre‹ – die meisten Szenen spielen in der verwinkelten Altstadt, die sich sehr hübsch ausmacht, vor allem in engen möblierten Zimmern, Bars und Küchen. na gut, die Schwulen mögen es ja eng, wie die handfeste Bartante hinterm Tresen mal augenzwinkernd bemerkt, als es darum geht, dass die Partys aus den Lokalen verbannt werden und man auf private Wohnungen ausweichen muss. Es darf gelacht werden.   

Die sehr kurzweilige Zeitreise wird immer wieder von Interviewausschnitten unterbrochen, in denen vor allem Ernst Ostertag und Röbi Rapp die gespielten Szenen erläutern, bekräftigen und ergänzen. Die beiden sind das, was man hierzulande herzig, in Deutschland vielleicht rührend nennt, zwei gesetzte, etwas bieder wirkende, Herren, die mit ihrer herzwärmenden Art den Film um eine unersetzliche emotionale Dimension und Authentizität erweitern. Das Ganze geschieht ganz unaufdringlich, der Film kommt ohne Empörergesten, ohne billiges Moralisieren aus, setzt stattdessen auf leise Töne und starke Gesichter.

›Der Kreis‹ ist deshalb auch unbedingt zu empfehlen, er öffnet einem auf sehr kluge und einfühlsame Weise die Augen für ein Kapitel unserer Zivilisation und ein Thema, das unbedingt in die Mitte unseres Bewusstseins gehört.

Samstag, 3. Mai 2014

La Religieuse (Die Nonne, F/B/D 2013)



mit Pauline Étienne, Isabelle Huppert, Martina Gedeck etc. 

Die Unberufene

Vom Schicksal, unfreiwillig im Kloster leben zu müssen, erzählt dieser beeindruckende und schön gemachte Film aus Frankreich mit einer beeindruckenden Hauptdarstellerin. Er beruht auf einer Romanvorlage des Enzyklopädisten Denis Diderot. Die Bilder sind von einer Klarheit und Härte, die sich einem einprägen; sie entsprechen der schnörkellosen Dramatik, mit der dieses so unerhörte wie seinerzeit wohl nicht ungewöhnliche Schicksal erzählt wird.

Frankreich im 18. Jahrhundert. Ein junges Mädchen wird von seinen Eltern ins Kloster verfrachtet. Sie wehrt sich beharrlich und kann durchsetzen, dass sie wieder nach Hause darf. Wie sich herausstellt, ist sie ein Bastard, Frucht einer einmaligen Liebesnacht, vom Stiefvater bloß geduldet. Als die Halbschwestern teuer verheiratet werden, beschwört die so unglückliche wie ohnmächtige Mutter das Mädchen, ins Kloster zurückzukehren. Es ist für jemand wie sie der einzige sich bietende Ausweg, um einem Leben in Armut auszuweichen.




Das karge Leben im Kloster, der selbstauferlegte Verzicht, die erduldete oder zur Schau gestellte Frömmigkeit, all das umgibt sie und man kann an ihrer Mimik und Körpersprache ablesen, wie sie daran zu verdorren droht. Sie kann es nicht fassen. Fromm ist sie, und es ist genau diese Frömmigkeit, die ihr den Zwang unerträglich werden lässt. Denn sie fühlt sich nicht berufen für dieses Leben.

Innerhalb der niemals tröstenden, nur abweisenden Mauern gibt es eine gute Freundin und eine wohlmeinende Äbtissin. Dass allerdings auch die Hochleistungsadlaten der imitatio Christi nur Menschen aus Fleisch und Blut sind, darum geht es unter anderem im weiteren Verlauf der Geschichte, in der auch die immer wieder beängstigende Isabelle Huppert ihren Auftritt hat.




Die unberufene Unschuldige, die aus Frömmigkeit abschwört. Bleiben werden mir die kühle Atmosphäre, Pauline Etiennes Gesicht mit und ohne Nonnenhaube. Und der für die radikalen französischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts typische Kontrast von einfacher Erzählweise und explosivem Inhalt, verpackt in eine zum Himmel schreiende Opfergeschichte, wie man sie auch bei Voltaire, Rousseau oder – mit umgekehrten Vorzeichen – bei de Sade findet.

Sonntag, 15. September 2013

A Late Quartet (US 2012)


Regie: Yaron Zilberman
Mit: Christopher Walken, Philip Seymour Hoffman,
Catherine Keener, Mark Ivanir, Imogen Poots

Trailer

Großes Kammerspiel um Kammermusiker


›A Late Quartet‹ ist ein reiner Schauspielerfilm – sorgfältiges Drehbuch, unspektakuläre Einstellungen, leise Töne, Gesichter in groß, Beethoven satt. Und Christopher Walken spielt sie alle an die Wand.

Meine Lieblingsszene: Er sitzt mit seinem Cello vor einer Klasse und erzählt eine Geschichte. That's it. Die Szene birgt mehr Spannung als so mancher laute Thriller, und warum? Weil man lange nicht weiß, worauf das rausläuft, was er da erzählt, worin der Sinn der Anekdote liegen soll, welche Farbe sie hat, welche Gefühle sie auslösen wird. Es ist die Art und Weise, wie er sie erzählt, die Ruhe, seine innere Gelassenheit, die Pausen, das Tempo. Und weil Walken resp. seine Figur einen Geisteszustand verkörpert, in dem er sich und seinen Mitmenschen nichts mehr vormacht, weil er einfach keine Lust mehr dazu hat. Gute Voraussetzungen für große, stille Kinomomente. 



Natürlich ist das sehr inszeniert, natürlich ist das auch die typisch amerikanische Art, die Weisheit des weisen Mannes in Szene zu setzen. Jaja, schon klar. Und dennoch ist es in diesem Fall etwas anderes. Solchem Schauspielporno gehe ich ganz gerne auf den Leim. Weil ich glaube, dass mir good old Christopher, käme er durch eine magische Laune der Weltgeschichte auf meinem Sofa zu sitzen, die Geschichte auch ohne Drehbuch genau so erzählen würde.

Im Gegensatz zu anderen seines Fachs setzt Christopher Walken nicht andauernd so ein vor Eitelkeit trunkenes Gesicht auf, das auf einer zweiten Ebene unaufhörlich sich selber applaudiert: siehst du jetzt, wie toll ich das erzählen kann? Walken trägt kein T-Shirt mit der Aufschrift: cooler Mann erzählt unglaublich kluge Geschichte. Wenn schon, dann steht drauf: Wait. Listen. Das find ich echt cool. Und damit überzeugt er mich mehr als andere altgediente Leinwandheroen wie beispielsweise de Niro oder Dustin Hoffman etc.



Die Geschichte des Films ist die einer sorgfältig vertrackten Viererbande. Juliette ist mit Robert verheiratet, begehrt insgeheim aber Daniel – am nächsten steht sie aber Peter. Und mit allen drei spielt sie in dem Quartett. Erste Geige, Zweite Geige, Bratsche, Cello. Der zentrale Konflikt, um den sich die kleine Geschichte dreht, ist der Umstand, dass Peter krank wird und Robert nicht mehr die zweite Geige spielen will, im Leben wie im Quartett.


Und dann findet auch noch Alexandra (Imogen Poots)  ihren Lehrer Daniel gaanz toll. So gerät eine intime Zusammenarbeit aus der fragilen Balance, die immerhin satte 25 Jahre gehalten hat. Und ab die Post.


Es ist die Art Film, bei der man dranbleibt, weil man den Gesichtern so gerne zusieht – sie erzählen viel, ohne dauernd alles auszusprechen. Von den kleinen Nöten und den großen Eitelkeiten, von Freundschaft, Stillhalten und schwelenden Konflikten, Minderwertigkeitskomplexen, der hehren Kunst, die alles in den Schatten stellen soll und keinen Raum für Konflikte zulässt.

Dass keiner aus der namhaften Schauspielrriege wirklich Ahnung hat, wie man ein Instrumente hält, auf denen sie doch vorgeben, so versiert zu sein, das ist allerdings bedauerlich. Den Hinweis gab mir ein befreundeter Musiker, dem nur ein kurzer Trailer genügte, aufzuseufzen. Er beklagte zu recht, man hätte bei diesen Gagen doch ruhig einen armen Musikstudenten zur Beratung heranziehen können. Schließlich überbieten sie sich in anderen Genres ja gerne mit hartem Training in  irgendwelche Techniken aus verlassenen chinesischen oder japanischen Tälern oder fasten sich die Seele aus dem Leib. 

Die Antwort im Falle der richtigen Griffhaltung auf Streichinstrumenten liegt auf der Hand: Während die körperliche Fitness dem Schauspieler und der Schauspielerin auch im persönlichen Leben viel Lorbeer und Bewunderung einbringen (das Kleid sitzt, die Muskeln straff), bekommt nur müden Applaus, wer an öffentlichen Veranstaltungen oder auf Partys eine Violine in die Hand nimmt – um ihr dann nichts als ein Krächzen zu entlocken. So viel zum Narzissmus der Schauspielerei. »Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur!« (Faust I.)

A propos Party: Bruno Ganz, Träger des Iffland-Rings und lebende Legende, hat sich den hitlerschen Duktus für seine Rolle in Hirschbiegels ›Untergang‹ (Trailer) so perfekt angeeignet, dass er noch Jahre danach an privaten Festen immer aufgefordert worden sein soll, den Adolf zu geben. Ausgerechnet. Er hätte nachträglich sicher auch lieber Six-Packs trainiert. Ein hartes Brot.



PS Ich beantrage Strafverfolgung für den deutschen Titel: ›Saiten des Lebens‹ … (give me a break)

Mittwoch, 28. August 2013

Unconditional (UK 2012)


Deutscher Titel: Owens erste Liebe

Regie: Bryn Higgins

Mit Harry McEntire, Christian Cooke, Madeleine Clark


Zartes, brüchiges Rosa

Owen lebt noch nicht lange genug, um sich mit der Liebe auszukennen. Mit 16 ist er noch Jungfrau und das Leben ist anderswo – jedenfalls nicht in dieser Siedlung in einer westenglischen Stadt. Sein Dasein erschöpft sich darin, gemeinsam mit Zwillingsschwester Kristen die pflegebedürftige Mutter über die Runden zu bringen. Kein Vater, nirgends, keine Freunde, Geld auch nicht, das Leben droht vorbeizuziehen. Bonjour tristesse.

Dann kommt das Leben doch, es schneit direkt ins Haus, und zwar in Gestalt eines smarten Finanzberaters mit ewigem Dreitagebart. Liam – Typ windiger Aufsteiger, schäbiger Glamour und Heckspoiler am blauen Möchtegernsportwagen – scheint zunächst an Kirsten interessiert, doch es ist Owen, den er zu einer nächtlichen Spritztour einlädt. Trubel, Rausch, Verwirrung. Die Nacht endet in Liams Wohnung und mit einer Überraschung: Der gut zehn Jahre Ältere steht auf Jungs in Frauenkleidern. Und Owen sei seine Offenbarung. Wow.

***

›Unconditional‹ erzählt vom zarten Beginn einer Liebesgeschichte auf wackligen Beinen. Für Liam scheint die Sache klar, wie ein Puppenspieler manövriert er den unerfahrenen Owen in eine Rolle voller Bedingungen. Nicht mal küssen geht ohne Perücke. Schließlich stehe er nicht auf Jungs. Du lieber Himmel. Derselbe Liam predigt Owen, Liebe müsse bedingungslos sein, unconditional, sonst sei es eben keine Liebe. Nachtigall, ick hör dir trapsen.

Owen ist auch ohne diesen Widerspruch vor allem eins: irritiert. Ihm fehlt die Vergleichsgröße. Muss das so sein? Heißt Liebe ein Spiel spielen? Was genau fühle ich dabei? Wie muss ich das einordnen? 
Er lässt sich ein, weshalb genau, dazu verweigert das Drehbuch die Antwort, vielleicht weil es keine gibt, vielleicht bloß aus Ermangelung interessanter Alternativen. Denn immerhin: wie aufregend! ein Stück Leben ganz für sich! Ohne SchwesterMutterÖdnisforever. Und außerdem hat Liam Geld. Was einem als seelenlose Glitzerwelt vorkommen mag, ist einem anderen unter gewissen Umständen Gelobtes Land. 
***

Der Film lebt von der knisternden Atmosphäre: die wilde Verruchtheit des Ungehörigen, das Rollenspiel, das geteilte Geheimnis, die Spannungen zwischen dem ungleichen Paar, die Taufrische des Neuen sowieso. Aufbruch in alle Richtungen. Und er lebt von der magischen Verwandlung Owens zu einer jungen Frau und zurück. Was für ein krasser Unterschied, zwei Menschen und doch einer. Wirklich schön. Und wirklich lustig, wenn so viel glatte Eleganz dann in High Heels gesteckt wird. Es sind aber zarte Töne, kein platter Humor, keine billigen Lacher, man bleibt immer ganz nah bei den beiden Protagonisten – und ihrem Elend. Ganz ohne Außenwelt, wie in einem Kammerspiel.

Hinzu kommt die verwahrlost bis trashige Umgebung von Englands zartrauhen Westen: billige Hochzeitszimmer, cheap candy und das ewige Blackpool lassen an Horvath denken, an seine Kasimirs, Karolines und die anderen verlorenen Seelen. Dazu die krachende Brandung an der Küste. Das alles passt schön zur melancholischen Grundstimmung dieser Coming-of-Age-Geschichte der außergewöhnlichen Art. Ein idealer Film für verregnete Dienstagabende.

Samstag, 3. August 2013

Mammoth (USA 2009)


Regie: Lukas Moodysson

mit Gael García Bernal, Michelle Williams


Am falschen Ort

Glückliche Ehe, gesundes Kind, Erfolg im Beruf, Loft in NYC, alles im Lot. Könnte man denken. Denkt man so. Doch: schneller höher weiter. Sie Ärztin: Drama, Kampf, Tod. Er auf Geschäftsreise in Thailand: Geld, Hotelwelten, käufliche Frauen. 
Das Kind wird betreut von einer Nanny, fern der philippinischen Heimat, dort passt die Oma auf die Kinder auf. Das neue Haus muss bezahlt werden. Klar. Muss sein. Und auch die thailändische Prostituierte hat irgendwo eine Tochter, die ohne sie auskommen muss. Das liebe Geld und was man dafür tut, egal, ob oben oder unten. Die Kinder verstehen nur Bahnhof, richten sich nach der Realität und bauen sich ihre eigene, oder, schlimmer, versuchen einzugreifen. 
Alle verbringen ihre Zeit an dem einem Ort, während sie davon träumen, an einem anderen zu sein. Und können das auch sinnvoll erklären. Aber. Davon erzählt dieser Film.  

***

Was mir daran gefällt, ist die Ruhe, die sich das Drehbuch lässt, um eine im Grunde recht unspektakuläre Geschichte zu erzählen. Die Ruhe, mit der die Figuren zum Nachdenken gebracht und zu Erkenntnissen geführt resp. gezwungen werden. Was, wenn alles ganz anders wäre? 
Ohne aufdringlich eine Mission zu verfolgen, ohne eine penetrante Botschaft, wie man richtig zu leben habe, wird in ruhigen Bildern und manchmal mit hübschen Parallelsequenzen von verschiedenen gleichzeitigen Realitäten erzählt. Die mitunter viel miteinander zu tun haben. Und dann flüstert doch so eine leise Stimme. Sehe ich mir da selber zu? Was ist meine Erklärung? Und wie glaubwürdig klingt sie?

***

Eine Portion Katharsis ist immer gut. Nichts wirklich Neues, die Nannygeschichte zum Beispiel erinnert mich an Iñárritus ›Babel‹ (2006), die Geschichte mit der jungen Prostituierten an Detlev Bucks ›Same Same But Different‹ (ebenso 2009), beides sehenswerte Filme. An sie kommt ›Mammoth‹ nicht heran, dennoch er ist die zwei Stunden wert, die man mit ihm verbringt.


De rouille et d'os (F 2012)

Bildquelle

Regie: Jaques Audiard

mit Marion Cotillard, Matthias Schonaerts


Wie weiter am toten Punkt?

Schöne Versehrte trifft schweigsamen Underdog ohne Geld, aber mit kleinem Sohn. Der Boxer Alain kann nicht über seine Gefühle reden und Stéphanie, die als Showdompteurin von Killerwalen bei einem Unfall beide Unterschenkel verlor, weiß nicht wie weiter in ihrem Leben. Es entsteht eine etwas einseitige Liebesbeziehung, in der Alain jeweils eine lapidare SMS verschickt, um ihr seine sexuelle Verfügbarkeit kundzutun. Gleichzeitig ist ihm sein kleiner Sohn Max im Weg, um den sich vor allem Alains Schwester kümmert, und er lässt sich auf gefährliche und illegale Tätigkeiten ein, um an Geld zu kommen. 
Die Schlagzeile des Films: Die schöne Marion Cotillard spielt die längste Zeit mit amputierten Beinen, man sieht sie im Meer, beim Liebesakt, mit Prothesen. Ihre Figur der Stéphanie geht nach anfänglichen Schwierigkeiten offensiv mit der Behinderung um und der Plot tut es ihr gleich, ein offensichtliches Anliegen des Films.
Auch wenn das Ganze etwas kitschig klingt – , es zeichnet den interessant fotografierten Film aus, dass man dran bleibt bei diesem Liebesdrama, das sich um den toten Punkt im Leben dreht und wie man sich davon aus weiterbewegt. Es geht darum, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, um Behinderung, Einsamkeit und Gewalt. Alain möchte man andauernd ins Hemd treten, die französische Mittelmeerküste hat ihre dunklen Seiten und der Film hat das Potenzial zu berühren.

Sonntag, 19. Mai 2013

Django Unchained (USA 2012)


Regie: Quentin Tarantino
Mit: Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo di Caprio, Samuel L. Jackson


»I’m afraid I must insist in the opposite direction.«

Eine persönliche Vorbemerkung: Der Western gehören zu denjenigen Genres, die mich kaum noch interessierten, seit ich mit meinem Fasnachtscolt auch meine Kindheit abgelegt habe – oder spätestens nach meiner Karl-May-Phase (zu Heavy-Metal-Musik) in den ersten Teenagerjahren. Nur noch im Rahmen des Studiums (John-Ford-Marathon im Programmkino: 6 Filme ohne Pause) oder in Ausnahmefällen wie Kevin Costners bittersüßes ›Dances With Wolves‹ (1990) oder Ron Howards Neo-Western-Thriller ›The Missing‹ (2003) ließ ich mich darauf ein.

Frage: Muss man nun Western mögen, um sich ›Django Unchained‹ anzusehen? Antwort: Nein. Denn es ist eigentlich gar kein Western. Er tut nur so. Es steht noch nicht mal Western drauf. Und es ist noch mal viel weniger Western drin als im ›True Grit‹-Remake der Coen-Brothers (USA 2010).

***

Amerika im Jahre 1858: Ein Schwarzer auf einem Pferd? Ein Skandal an sich. Dieser aber trägt wahlweise einen lächerlichen königsblauen Anzug mit ausladender weißer Halskrause oder eine John-Lennon-Brille mit grünen Gläsern. Und er legt Wert darauf, dass das D am Anfang seines Vornamens nicht ausgeprochen wird. Denn es ist ein stimmloses D. Alles klar? Dazu Rhythm’n’ Blues aus dem Off. Hippie-Athmo wie bei ›Hair‹. Plus: keine Indianer. Aber auch ohne sie: jede Menge Farbe.


War der Drehbuchschreiber angeschickert? Hat sich da einer im Jahrhundert vertan? Nein, wir sind in Tarantino-Country, dem anderen Wilden Westen. Dem ganz wilden Westen. Bunt, dick aufgetragen, brutal und anregend. Gewagt, gekonnt, verspielt. Drama, Komödie, Fasnacht und Punk. Herrlich.

***

Der Spannungsbogen ist denkbar simpel. Django (psst… stimmloses D!) ist gerade der Sklaverei entronnen und will nun seine geliebte Frau finden und sie aus ihren Ketten lösen, auf dass sie ein neues Leben in Freiheit beginnen. Wenn das mal kein klassischer Stoff ist: Perseus, Paris, Orpheus etc. etc. – wie viele Mannsfiguren der griechischen Mythologie haben da nicht Modell gestanden, indem sie schöne Frauen aus den Klauen von Vätern und anderen Bösewichten befreiten. Mal ging das gut (Perseus bekam seine Andromeda), mal vorläufig gut (Helena folgt Paris nach Troia, um dort als  wohl prominentester MacGuffin der Kulturgeschichte zu verschwinden), mal nicht (Orpheus dreht sich zu früh nach seiner Eurydike um, worauf sie wieder in die Unterwelt zurückkehren muss).

Djangos Andromeda/Helena/Eurydike heißt – von wegen Zufall – Broomhilda von Shaft. – Broomhilda? Wäre Django der deutschen Sprache mächtig, wüsste er, der auf sein stimmloses D besteht, dass der Name korrekt Brunhild lautet. Und dass auch sie eine Sagenfigur ist. Und was für eine. Doch Django lebt irgendwo im Amerika des 19. Jahrhunderts und damit weit weg, seeehr weit weg von einem Europa, das seine kulturellen Wurzeln kennt und pflegt, sie zum Schulstoff deklariert und auf die Bühne bringt.


Doch Django hat Glück. Im doppelten Sinne. Ihm begegnet Dr. King Shultz, ein deutscher Kopfgeldjäger mit einem eigenwilligen, gedrechselten Englisch, über dessen Planwagen zur Tarnung ein überdimensionaler Zahn wackelt. Was für ein Bild. Shultz benötigt Djangos Dienste, um die nächsten Kandidaten auf seiner Liste ins Jenseits zu befördern, weshalb er ihn zu Beginn des Films zuerst freikauft  – nicht ohne Kollateralschaden anzurichten – und dann zu seinem Adlaten und Kompagnon macht. Dabei bringt er ihm abgesehen vom Schießen auch noch etwas europäische Kultur nahe. Anlass ist eben der Name von Djangos Liebster. 

Shultz erfreut sich an dem Umstand, dass Broomhilda Deutsch spricht, sowie daran, dass sowohl ihr Name wie auch ihre Situation an das legendäre Mannsweib denken lässt –und zwar bevor sie im Nibelungenlied ihren Gatten Gunther in der Hochzeitsnacht an den Kleiderhaken hängt und sich mit dem düsteren Hagen gegen Siegfried verschwört. Was folgt, ist ein dialogischer Exkurs in eine Nische der germanischen Heldenepik, mitten im wildwestamerikanischen Nirgendwo, wie man es nur aus Tarantinofilmen kennt: Wotans Tochter Brunhild wird von ihrem Vater wegen Ungehorsam auf einem Berg festgehalten, umgeben von höllischem Feuer und bewacht von einem Drachen. Sie wartet auf den Helden, der prompt kommt. denn auch Brunhild hat Glück: Auftritt Siegfried, Held, angstfrei. Er besteigt den Berg, tötet den Drachen und geht für die ihm völlig unbekannte Hildi durchs Feuer, ohne Auftrag – einfach »because she’s worth it«.

Hach. Helden. Die durch die Hölle gehen. Was tut man nicht alles für die Liebe? Wie gesagt: Der Spannungsbogen für ›Django Unchained‹ ist sehr simpel. Und Tusch.

Christoph Waltz erzählt diese Lagerfeuergeschichte mit dem ihm eigenen trockenen Pathos. Auf Djangos Verwunderung darüber, dass Brunhild auf einem Berg gefangen ist, antwortet er lapidar: »It’s a German legend, there’s always going to be a mountain somewhere in there.« Wie schon in ›Inglorous Basterds‹ (2009) kultiviert der doppelte Oscar-Preisträger Waltz den filmischen Westen mit gekonnten Pausen, präziser Mimik und dem Mut zu großem Zirkus. 


So heldenhaft Django und so eloquent und gebildet Shultz sind, so verschlagen und dumm sind sämtliche andere Bleichgesichter in Tarantinos Figurenarsenal. Das gilt auch für di Caprios diabolische Figur des Calvin Candie, dessen »comfort girl« Brunhild nun ist und der sich mitten in der Pampa wie ein Fürst eingerichtet hat, ein frappierender Kontrast zur Ödnis draußen und zur Menschenschinderei, mit der er sein Geld verdient. 


Direkt vorm gemütlichen Kaminfeuer lässt er sich von Gladiatorenkämpfen sogenannter Mandingos unterhalten. Schnitt. Gestärktes Leinen, opulentes Silberbesteck, dezente Farben, samtener Wein. Mit schönen Detailaufnahmen wird gezeigt, wie luxuriös er sich eingerichtet hat, wie auserlesen sein Geschmack ist, man wähnt sich auf einem Luxusdampfer. Derweil seine Schergen mit Waffen den Laden zusammenhalten und verhindern, dass diese Welt in der Welt von denjenigen Stützen gestürzt wird, deren Sklavendasein sie erst ermöglicht haben. Darüber wundert sich Candie mehr verblüfft als amüsiert, als er am Tisch seine Gäste unterhält – Shultz und Django. Warum wehren sie sich nicht?


Der Böseste von allen allerdings ist Samuel L. Jackson in der Rolle des alteingesessenen Sklaven und Hausberaters Stephen. Wie bitte? Der Schwarze als der böseste Weiße? Das Opfer ein Täter, eine maßgebliche Stütze des Rassismus? Ein Verräter am eigenen Volk? – Dünnes Eis, sagen manche. Heikel, heikel. So wie andere sich daran entzünden, dass Django erst vom weißen Deutschen das Schießeisen zu beherrschen lernt. Eine milde Gabe. Ein Kinderdankeschön. Hilfe zur Selbsthilfe. Nun, ›Django Unchained‹ bietet Anlass, darüber nachzudenken oder zu streiten, wie historisch oder ahistorisch, wie provokativ, unnötig, opportunistisch und billig, oder wie frech, mutig, realistisch oder konsequent es ist, hier ein wenig im PC-Salat zu rühren. 

Parallelen zu verwandten Bereichen mit ähnlichen Fragen und Tabus bieten sich einige an: In ›Eden‹ (USA 2012, Besprechung folgt auf diesem Blog), einem der zahlreichen engagierten Filme, die vom Problem des Frauenhandel erzählen, arbeitet eine als ›Ärztin‹ fungierende Frau Hand in Hand und in strengem Regime mit den skrupellosesten Männern zusammen – sie war ursprünglich auch nur eine der in einem Massenlager zur Prostitution gezwungenen Frauen, konnte sich aber hocharbeiten. Man denkt vielleicht an Geschichten über jüdische Aufseher und Aufseherinnen in den KZ der Nazideutschen. Oder an muslimische Mütter, die ihren Töchtern die Genitalien verstümmeln, weil sie von ihren Vätern und Müttern dazu erzogen wurden, dass das eine gute, weil notwendige Form von Gewalt ist etc. 

Wie gesagt: darüber kann man sich sehr gut streiten und unterhalten, das ist spannender Stoff und gibt vielleicht Anlass, sich in geschichtlichen Quellen umzutun und seine Kenntnisse darüber zu vertiefen, wie tief der Sumpf jeweils war oder ist, in den sich die menschlichen Gesellschaften zu allen Zeiten verstricken. Wo die Grenzen zwischen Opfern und Tätern zu ziehen sind. Ob überhaupt. Wie genau sie zu ziehen sind. Wie relativ sie zu betrachten sind. 

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Tarantino kümmert sich hier nicht um Dialektik. Würde man ihm vorwerfen, er riskiere zu viel bei seiner Spielerei mit dem moralischen Feuer, würde er womöglich mit einem der vielen schönen Sätze seiner Figur des Dr. Shultz antworten: »I'm afraid I must insist on the other direction.« Er erzählt einfach. Und er tut das auf sehr unterhaltsame Weise. Und auch für jene, die mit Western nichts am Hut haben.

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PS Was die Gewalt betrifft: Ja. Man muss einzweimal wegsehen und weghören. Es war schon schlimmer bei Tarantino. Und es könnte schlimmer sein. Zumeist fliegen seine Figuren derart durch den Raum, wenn sie angeschossen werden, dass man an Tex-Avery-Filme denkt, nicht an real life. Klar, das Blut fließt, das Fleisch spritzt zuweilen unangenehm, doch es geschieht mit dem gewissen Augenzwinkern, weshalb ich es diesmal erträglich fand und hinnahm – zugunsten des tollen Drehbuchs und der wirklich genialen Dialoge.