Mittwoch, 31. Juli 2013

Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche (2010)


Russische Tiger Grandmom mit Pumps und Schmackes 

Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche? Na ja. Alternativ würde ich als Titel vorschlagen: Die schärfste Oma der deutschen Literaturgeschichte. Denn während man in Bronskys zweitem Roman höchstens am Rande etwas über das Kochen erfährt, erfüllt die Figur der Rosalinda diese extravagant erzählte und ereignisreiche Familiengeschichte mit ihrem Sound, ihrem Witz und ihrer Besoffenheit von sich selbst. Sie ist der Roman. Und das hört sich so an:
»Ich bin Rosalinda«, sagte ich und setzte ein liebevolles Lächeln auf. […] Ja, ich hatte einen schönen Namen, wie einem ausländischen Liebesroman entsprungen. Ich war nicht irgendeine Katja oder Larissa. […] 
Mein Schwiegersohn mochte mich, das war auch verständlich. Ich war eine schöne Frau. Mit Ende vierzig sah ich immer noch aus wie höchstens Mitte dreißig. Meine Haut war straff und strahlend, und ich schminkte mich jeden Morgen, bevor ich irgendwohin ging, und sei es nur in die Küche. In dieser Zeit hatte ich die Farben Rot und Schwarz für meine Kleidung entdeckt. Ich konnte es mir leisten. […]
Ich sah überhaupt nicht wie eine Oma aus. Ich sah gut aus. Ich war eine schöne Frau und noch nicht alt. Man sah mir an, dass ich Kraft hatte und intelligent war. Ich musste mein Gesicht oft verschließen, damit andere Menschen meine Ideen nicht lesen und stehlen konnten. 


***

Rosalinda Kalganowa ist eine alterslose Tatarin, die stolz auf ihre Herkunft ist, ohne das Geringste darüber zu wissen. Was ihren Stolz nicht mindert, denn das eine hat mit dem anderen nichts zu tun – für sie, und nur sie zählt. Wer solch ein Selbstbewusstsein hat wie sie, weiß immer, was zu tun ist. Und sie hat enorm viel zu tun, denn ihre Tochter Sulfia ist in ihren Augen nicht nur hässlich (und damit eigentlich gar nicht ihre Tochter), sondern auch unfähig. Unfähig, etwas aus sich zu machen, unfähig, einen Mann zu finden und zu halten, vor allem unfähig, ein Kind zu erziehen. 

Und damit ist der Kern dieses Romans genannt: es ist die kokett egozentrische, schillernde Erzählung einer Frau, die irgendwo östlich des Urals und später in Deutschland versucht, ihre Enkelin Aminat auf den rechten Weg zu bringen, ob das nun Sulfia passt oder nicht. Eine Löwengroßmutter.
Mein Privatleben hatte ich auf Eis gelegt. Als Frau hat man wichtigere Dinge im Kopf. 
Dabei geht es ihr allerdings stets darum, Gefragt wird niemand, Privatsphäre ist ihr ein Fremdwort, an ihrem Wesen soll die Welt genesen, vor allem Sulfia und Aminat. Großartige Figur. Die Männer spielen dabei eine Statistenrolle, sie sind notwendiges Übel, um Kinder zu bekommen. Rosalindas Ehemann Kalganow beispielsweise trägt unwesentlich mehr zur Ehe bei, als zu essen (Textausschnitte dazu in einem eigenen Post) und man hat zu keinem Punkt das Gefühl, dass er – abgesehen vor ihrer ersten Schwärmerei für ihn vor gefühlten zwei Menschenleben  – danach mehr für sie bedeutete als ein lästiges Faktotum.
Ich hatte ihm zugehört – ich wusste, wie eine Ehefrau sich zu verhalten hatte. Das Wichtigste war, den Ehemann nicht darauf hinzuweisen, was für dumme Dinge er redet. Die Nachsicht der Frau hielt eine Ehe stabil. Ich verstand sehr viel davon, erst theoretisch, dann bewährte ich mich auch in der Praxis. Ich war eine perfekte Ehefrau.
Aber auch die meisten anderen Mannsgestalten geben neben der herrischen und pragmatischen Rosa eine jämmerliche Figur ab, insbesondere die Schwiegersöhne, z.B. Dieter, der »ausländische Idiot« und Rosas Hoffnung auf eine Einreise nach Deutschland, den es auf der Suche nach tatarischen und anderen Rezepten in die Sowjetunion verschlagen hat, wo er im Krankenhaus landete, in dem Sulfia arbeitet:
Sein Gesicht erinnerte mich an ein Schwein. […] Dieter hatte einen Gesichtsausdruck, der die Kleinkriminellen auf der Straße nur so anziehen musste. Sein Lächeln sagte: »Ich bin hier neu und habe keine Ahnung. Bitte nehmt mein ganzes Geld und schlagt mir ordentlich auf den Kopf.«
Aminat ist äußerlich wie charakterlich ganz Spiegelbild und Geschöpf ihrer großartigen Großmutter. Anlass genug für diese, fortan wie ein Cerberus über die Erziehung ihrer Enkelin zu wachen und der Tochter ständiges Versagen vorzuwerfen. Jeder Versuch Sulfias, sich aus dem eisernen Griff ihrer Tiger Mom zu lösen, wird von ihr vereitelt, dazu ist ihr jedes Mittel recht. Wirklich jedes. 


***


Was im richtigen Leben ein tragisches Familiendrama voller Eifersucht und Zerwürfnissen wäre, gerinnt in dem Tonfall, mit dem Bronsky ihre eitle Ich-Erzählerin ausstattet, zur lustvollen Humoreske und zur schwarzen Groteske. Pointen und Anekdoten statt Psychoanalyse. Dabei schüttelt man schon mal den Kopf über die exzentrischen Ideen der Hauptfigur und die Anmaßungen, die sie sich leistet, hat so etwas wie Mitleid mit Rosalindas Mitmenschen. Die Sympathie des Lesers aber, die hat sie auf sicher. Hat sie auch die Sympathie der Leserin? Es wäre interessant zu hören, wie Frauen die Penetranz erleben und werten, mit der sich dieses weibliche ICH völlig ironiefrei über andere stellt und zum Maß aller Dinge macht. Zum Beispiel wenn sie Sulfia beschreibt:
Ich glaube, es schmeichelte Sergej, einen wunderschönen Schwan wie mich zur Schwiegermutter zu haben, wo er doch so ein hässliches Entlein geheiratet hatte. 
Sie war immer noch mickrig. Aber sie hatte ein schönes, schwarzweiß gepunktetes Kleid an. Ein Kleid, das Frauen wie sie normalerweise nicht tragen. Eher Frauen wie ich.
Ich hatte ein rotes Kleid eingepackt, und das zog ich an, dazu goldene Pumps. […] Sulfia zog eine formlose Jeans an, dazu ein T-Shirt. Später stellte ich fest, dass Sulfia den Stil deutscher Frauen perfekt getroffen hatte – ausdrucksloses Gesicht, keine Schminke, flache Schuhe, keine Röcke.
Aminat lag auf dem Bett und drückte ihr Gesicht ins Kissen. Ich fragte mich, wofür sie Sulfia so liebte. Sie konnte doch alles von mir haben.
Wie die drei Frauen miteinander funktionieren und wie Rosalinda die Zügel immer wieder an sich reißt, darum geht es in der Hauptsache im ersten Teil des Romans. Dabei erfährt man en passant viel über die Nöte des Alltags in der sowjetischen Mängelwirtschaft, das enge Zusammenleben in schlecht beheizten Räumen, der Kampf um Lebensmittel, die schlechte Versorgungslage der Bevölkerung, die Bösartigkeit, das Mistrauen und den Neid. Aber auch über gute Nachbarschaft, Organisationstalent und seitens Rosalinda über einen unbändigen Willen, aus jeder Situation das Optimum zu machen und ja keiner Schwäche nachzugeben. Ein Trotz, der durchaus melancholische Untertöne zulässt, zum Beispiel als der trantütige Kalganow sie eines Tages unvermittelt für eine andere verlässt, eine Frau ohne Namen, die fortan nur noch spitz »Lehrerin für Russisch und Literatur« heißt. Richtiger Wehmut, gar Traurigkeit, kommt aber im ersten Teil nicht auf.


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Der zweite Teil des Romans spielt in Deutschland, was vor allem Rosalindas Initiative geschuldet ist.  Schon im Vorfeld betrieb sie auf eigenwillige Weise Werbung: »Deutschland ist ein gutes Land […] ich habe gehört, dort werden die Straßen mit Shampoo gewaschen.« Prompt findet sie sich in der Fremde auch schneller zurecht als Tochter und Enkelin. Für die Erwerbsmöglichkeiten der freien Marktwirtschaft ist sie bereit, einiges an Eitelkeit und Moral über Bord zu werfen. Wieder beweist  sie Unternehmergeist, Menschenkenntnis und Durchsetzungsvermögen. Und es scheint ihr mindestens so sehr um die eigenen Entfaltungsmöglichkeiten zu gehen wie um Aminats Wohl, die sich zu diesem Zeitpunkt schon eine ganze Weile von ihr entfremdet hat und immer unzugänglicher wird.

Rosalindas soziologischen Beobachtungen der deutschen resp. westlichen Lebensgewohnheiten, Werte und Daseinsformen verleihen dem Roman einen zweiten Atem. Lakonisch und spöttisch registriert und kommentiert sie Eigenheiten und Unterschiede zur Heimat und zur eigenen Person: 
Ich fand die Schule sofort, weil mir ein Strom schreiender Kinder entgegenkam. Die deutschen Kinder, um das einmal festzustellen, waren sehr laut. Das fiel mir schon in der Straßenbahn auf. Sie brüllten durch den ganzen Waggon. Erst dachte ich, sie würden sich gleich prügeln, aber sie lachten dabei.  
***

Fazit: Was den Roman unterhaltsam macht, ist nicht nur die amüsant selbstgerechte Stimme der Ich-Erzählerin, er ist außerdem sehr plot- und dialogorientiert und deshalb spannend zu lesen, mit wenigen Längen. Im zweiten Teil nimmt die Handlung zusätzlich Fahrt auf und hier findet man auch Nuancen in der Stimmungs- und Stimmlage. Was man nicht erwarten darf, sind psychologische oder dramatische Tiefe, die der Stoff aber durchaus birgt. Im Vergleich zu Nellja Veremejs Einwanderergeschichte ›Berlin liegt im Osten‹ (2013) etwa ist Bronskys Roman weniger geschichtsverhaftet und lebensprall, dafür sehr amüsant und verspielt.


Angaben:
Alina Bronsky. Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 319 Seiten (Paperback).

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